„Wir wollen ausscheren!“

von Redaktion

Autorin Dana von Suffrin über ihren „Jüdischen Buchclub“

Premieren-Gast: Moderatorin Ruth Moschner. © Marc Rehbeck

„Alles ist heute so floskelhaft geworden. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass die Leute zu wenig lesen.“ Dana von Suffrin, deren neuer Roman im nächsten Frühjahr erscheinen soll, startet mit dem Historiker Philipp Lenhard den „Jüdischen Buchclub“. © Achim Frank Schmidt

Ein neuer Impuls für die Bücherstadt München. Morgen laden die Schriftstellerin Dana von Suffrin und der Historiker Philipp Lenhard, der derzeit Michael Brenner auf dem Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU vertritt, erstmals zum „Jüdischen Buchclub“ ins Literaturhaus ein. Vier Bücher werden diskutiert – Gast bei der Premiere ist die Moderatorin Ruth Moschner. Wir sprachen mit Dana von Suffrin über die neue Reihe.

Wie kam es zum „Jüdischen Buchclub“?

Das war Philipps Idee. Ich habe letztes Jahr einen Buchclub moderiert, das war ein einmaliges Format. Daher bin ich aber sofort auf die Idee angesprungen. Denn hier zeigt sich das Schöne an Büchern.

Inwiefern?

Beim Lesen tritt man in einen Dialog mit dem Autor oder der Autorin. Es fehlt jedoch jemand, mit dem man die Lese-Erfahrung teilt. Da kommt der Club ins Spiel. Mein Freundeskreis zum Beispiel besteht aus vielen Künstlerinnen und Künstlern, ganz viele davon schreiben auch. Wir lesen dennoch nicht dieselben Bücher. Deshalb stellen wir auch Titel von der Backlist vor.

Das habe ich mit Freuden gesehen: Es geht nicht nur um Neuerscheinungen.

Nein, wir sprechen auch über ältere Titel. Wenn wir zwischen den Büchern Querverbindungen herstellen und an Lese-Erfahrungen des Publikums anknüpfen könnten – das ist mein Wunsch.

Das Publikum darf mitdiskutieren?

Das schaffen wir leider zeitlich nicht. Aber ich hoffe, dass es danach zu Gesprächen kommt. Die meisten Menschen gehen ja nicht allein auf LiteraturVeranstaltungen. Da wird es sicher Diskussionen geben.

War der „Jüdische Buchclub“ von Beginn an als Reihe konzipiert?

Ja, das wäre sonst unfair den vielen tollen Autorinnen und Autoren gegenüber. Der Breite des Themas kann man nur mit einer Reihe gerecht werden. Wir könnten sofort 100 Folgen konzipieren – starten aber halbjährlich. (Lacht.)

Morgen stehen Natan Sznaiders Essay „Die jüdische Wunde“, die Graphic Novel „Herzl“ sowie der Roman „Geordnete Verhältnisse“ zur Debatte. Außerdem bringt Ruth Moschner einen Überraschungstitel mit. Soll sich jeder Abend um Sachbuch, Belletristik und Comic drehen?

Sachbuch und Belletristik in jedem Fall – Ersteres ist vor allem Philipps Bereich, Zweiteres kommt von mir. Bei den Graphic Novels müssen wir schauen. Da kennen wir beide uns nicht allzu gut aus.

Sie haben das „Politische Foyer“ in der Villa Stuck. Ist der „Jüdische Buchclub“ die Fortsetzung der Salon-Idee mit den Mitteln der Literatur?

In der Villa Stuck haben wir immer ein Schlagwort, das wir von verschiedenen Seiten beleuchten. Da ist meine Rolle eine andere: Ich lade drei Expertinnen oder Experten ein – und die erklären mir ihre Sicht aufs Thema. Im besten Fall hebeln sie alte Überzeugungen aus. Im „Buchclub“ geht es um unsere Lese-Erfahrungen. Es ist eine Talkshow mit solider literarischer Grundlage.

Wie finden Sie die Titel, die Sie vorstellen wollen?

Wir wollen immer einen Titel, der ein bisschen in Vergessenheit geraten ist – oder nicht mehr so viel gelesen wird, wie behauptet wird. Dann versuchen wir zu berücksichtigen, dass es sehr viele gute Autorinnen gibt. Uns ist wichtig zu zeigen, dass es verschiedene Zugänge zur Welt gibt.

Wen wollen Sie mit dem Club ansprechen?

Alle, die schon mal ein Buch in der Hand gehalten haben!

Der Ablauf ist wie beim „Literarischen Quartett“? Jeder stellt einen Titel vor – und dann äußern die anderen ihre Eindrücke?

Ja, wir versuchen nur, es weniger starr zu handhaben. Mit mehr Raum für Spontanität. Bei den Gästen achten wir darauf, dass sie nicht aus der Literatur-Bubble kommen. Sie sollten zwar alle gerne lesen – aber nicht Teil der Szene sein.

Wie beurteilen Sie die Resonanz auf jüdische Themen in München?

Ich habe den Eindruck, dass jüdische Kultur und Geschichte in München immer auf großes Interesse stoßen. Allerdings bewegen sich viele Veranstaltungen auf bekannten Pfaden …

… und Sie werden mit dem „Jüdischen Buchclub“ unerwartbarer?

(Lacht.) Das hoffe ich! Es wäre schön, wenn wir ausscheren könnten! Alles ist heute so floskelhaft geworden. Egal, was passiert – es wird mit fünf KI-Sätzen zusammengefasst. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass die Leute zu wenig lesen. Jüdische Autorinnen und Autoren haben nie einen sicheren Stand gehabt. Nehmen Sie Stefan Zweig, einen der erfolgreichsten Autoren seiner Zeit, der besser Deutsch sprach als 99,9 Prozent der Menschen in Wien. Und dennoch wusste er, dass er nie ganz dazugehören wird. Das zieht sich bis in die Gegenwart: das Gefühl, eine Art Staatsbürger auf Abruf zu sein. Dieses Stückchen Irritation ermöglicht allerdings einen guten Blick auf die Verhältnisse.

„Der Jüdische Buchclub“

findet morgen, 19 Uhr, im Münchner Literaturhaus statt; Karten unter 0761/888 49 999.

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