Den Blick in andere Welten

von Redaktion

Christian Kracht spielt im Roman „Air“ mit Paralleluniversen und Genres

Frischluftzufuhr: Christian Krachts neuer Roman „Air“ reißt das Fenster zur Fantasie der Leserinnen und Leser wieder kräftig auf. © DEBSUDDHA BANERJEE/Die Zeit

Fantasy, modernes Märchen, Realsatire auf ein ökologisches, aber zugleich auch technikaffines Leben – all das bietet Christian Kracht in seinem neuen Roman „Air“. Der Schweizer Innenausstatter Paul lebt zurückgezogen auf den Orkney-Inseln. Da ereilt ihn ein besonderer Auftrag: Ein gewisser Cohen, Herausgeber der ökologisch-hippen Zeitschrift „Küki“, lädt ihn ein, das riesige Rechenzentrum im norwegischen Stavanger komplett weiß auszumalen. Paul ist Feuer und Flamme, reist nach Stavanger, doch dort kommt es zu einem gewaltigen Stromausfall – und Paul ist verschwunden.

Zwischen Fantasy, modernem Märchen und Realsatire

Das ist der Ausgangspunkt von Krachts Buch – aber eigentlich stimmt das nicht so ganz. Denn zunächst landet man in einer komplett anderen Umgebung: irgendwann und irgendwo im Mittelalter. Diese zwei Zeitebenen wechseln in den folgenden Kapiteln ständig miteinander, bis auch Cohen auf unerklärliche Weise in Krachts Fantasy-Mittelalter ankommt.

Dort lebt Ildr, ein schlaues Waisenkind von neun Jahren. Sie schießt versehentlich mit einem Pfeil einen Fremden an, pflegt ihn wieder gesund. Bald stellt sich heraus, dass es sich bei ihm um den Paul vom Anfang handelt. Zusammen mit Ildr flieht er vor den bösen Machenschaften des Landesherrn, des Herzogs von Tviot, in Richtung Eismeer. Sie erreichen die rettende „Steinstadt“, in der die Menschen friedlich und kollektivistisch leben – eine Art Sozialutopie. Hier treffen sie wieder auf Cohen, Pauls mysteriösen Auftraggeber.

In Christian Krachts Roman kommt dem Titel „Air“ eine besondere Rolle zu, wenn man das englische Wort mit „Äther“ übersetzt. Denn „Äther“ oder „Lichtäther“ meint einen äußerst feinen, höchst elastischen Stoff, der im ganzen Weltraum ausgebreitet ist – auch in Parallelwelten. Kracht macht es seiner Leserschaft nicht schwer, einige Motive in beiden Welten wiederzuerkennen: Paul trägt auf der Gegenwartsebene eine Brille, in der Fantasy-Welt staunen die Mittelalter-Menschen nicht schlecht über dieses Gerät. Dort kommt auch eine Pistole aus einem 3D-Drucker zum Einsatz. Und dem bösen Herzog entspricht in der Jetztzeit der spleenige Herzog von Cumberland, der Paul ein Historienbild des schottischen Malers James Archer vermacht hat: „Merlin and Lancelot“, beide Heroen aus der Artus-Welt.

Eine ganz ähnliche Motivik wie bei Kracht hat der französische Schriftsteller Raymond Queneau in seinem Roman „Die blauen Blumen“ (1965) angewandt: Ebenfalls ist es ein Herzog, der im Hochmittelalter auf Reisen geht und plötzlich im Paris der 1960er-Jahre auftaucht, um auf sein zweites Ego zu treffen. Wer an literarischen Parallel-Welten, mittelalterlicher Fantasy, am Aufspüren wiederkehrender Motivik und an einer zeitweise romantisierenden und leicht zugänglichen Sprache Gefallen hat, wird Christian Krachts Roman „Air“ mit Genuss lesen.
ANDREAS PUFF-TROJAN

Christian Kracht:

„Air“. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 215 Seiten; 25 Euro.

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