Wer ein Faible fürs Gruselige hat, kommt demnächst am Bayerischen Staatsschauspiel auf seine Kosten: denn ermordete Frauen, Versicherungsmathematik und Donald Trump sind thematische Fixpunkte beim Festival „Welt/Bühne“, das von 1. bis 7. Juni im Marstall stattfindet. Anders als bei ähnlichem Events, erklärt Festival-Leiterin Almuth Wagner, habe sie nicht den „hottest Shit“ aus aller Welt zusammengekauft, denn „den haben wir schon hier“.
International geht’s trotzdem zu: Eröffnet wird die „Welt/Bühne“ mit der Uraufführung „Das gelobte Land“ der ugandischen Autorin Asiimwe Deborah Kawe. Sie erzählt von einer „nicht registrierten“ Immigrantin in den USA, die dort seit Jahren arbeitet, aber nun befürchtet, aufgrund neuer Verordnungen von Präsident Trump ausgewiesen zu werden. Der Text gleiche einem Mosaik aus Monologen, Briefen, Interviews, berichtete der ungarische Regisseur Jakab Tarnóczi, der für die Inszenierung zuständig ist. Für Tarnóczi gehört zu einem guten Stück „mehr, als nur über wichtige Themen zu reden“. Und „bei diesem Stück ist auch die Form geheimnisvoll“, erklärte er bei der Präsentation des Festival-Spielplans.
Südamerika ist mit einem Gastspiel der chilenischen La mujer sin cabeza Theaterkompanie vertreten. Sie zeigt ein Werk ihrer Gründerin Carla Zuñiga Morales, die momentan als wichtigste chilenische Bühnenautorin gilt. „In der Dunkelheit der Nacht“, so der Titel, thematisiert Morde an Frauen, die oft von den Ehemännern oder Partnern begangen werden. Während die Opfer nur als nüchterne Zahlen vorkämen, werde um die Täter ein sensationsgieriger Medienrummel veranstaltet, der sie zu „Stars“ mache, klagt die Autorin.
Etwas zum Eintauchen, nämlich eine „immersive Performance“, die jeweils immer nur ein Betrachter erleben kann, ist das mehr oder weniger digitale Experiment „Temping“, ein Gastspiel des Kollektivs Wolf 359 aus den USA. Alle 70 Minuten darf hier ein neuer Zuschauer am Schreibtisch von „Jane“ Platz nehmen, einer fiktiven Versicherungsmathematikerin, die „in Urlaub“ ist und vom jeweiligen Zuschauer „vertreten“ wird. Na, viel Glück! Wer mitspielen will, sollte sich rasch um Karten bemühen, weil deren Zahl relativ begrenzt ist, wie man sich auch ohne höhere Mathematik ausrechnen kann.
Wieder um das Thema Migration geht es schließlich in „Das Kind“, einem Gastspiel der renommierten iranischen Shieveh Theater Company. Das Drama handelt von drei Frauen auf der Flucht, die an der europäischen Außengrenze abgewiesen werden. Daraufhin leugnet jede, die Mutter des Babys zu sein, das sie dabeihaben – damit wenigstens der Säugling „einreisen“ und eine bessere Zukunft erwarten darf. Ein Stoff, gegen den noch der „hottest Shit“ kalter Kaffee ist…
ALEXANDER ALTMANN
Karten und Programm:
residenztheater.de