Zu hundert Prozent Optimist

von Redaktion

Lahav Shani dirigiert die Konzerte zum Tag der Befreiung

„Vor 80 Jahren wäre diese Idee absurd gewesen“: Lahav Shani leitet in dieser Woche gemeinsame Konzerte der Münchner Philharmoniker und des Israel Philharmonic Orchestra. © Co Merz

Zum 80. Mal jährt sich in dieser Woche der Tag der Befreiung. Mitglieder des Israel Philharmonic Orchestra und der Münchner Philharmoniker spielen am 7. und 8. Mai gemeinsam in der Isarphilharmonie. Am Pult steht Lahav Shani, 1989 in Tel Aviv geboren, Chef des israelischen Ensembles und ab 2026 in selber Funktion auch in München aktiv. Der Probenplan ist eng getaktet, daher ein Vorabtreffen mit Lahav Shani in Wien.

Am 8. Mai 2018 haben Sie zum Tag der Befreiung mit den Wiener Symphonikern Beethovens Freudensymphonie, die Neunte, aufgeführt. Jetzt, zum selben Anlass, erklingt in München Mahlers nihilistische Sechste. Passen beide Werke zu diesem Tag?

Es handelt sich um einen Blick aus zwei verschiedenen Perspektiven auf denselben Tag. In Wien wurde das Ende des Krieges gefeiert. Unser Hauptthema in München ist, dass wir beide Orchester zusammenbringen, damit an die Historie der beiden Staaten erinnern – und auf eine gemeinsame Zukunft hoffen. Deshalb ist in München Raum für eine andere Art der Musik.

Welches Signal soll von dem Konzert ausgehen?

Dass wir zusammenkommen können und wollen. Dass gerade diese beiden Orchester mit ihren unterschiedlichen Traditionen und Kulturen gemeinsam spielen. Dass sie die Bühne und ihre Emotionen teilen. Vor 80 Jahren wäre diese Idee komplett absurd gewesen.

München als ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“: Hat es für Sie eine besondere Bedeutung, hier Chefdirigent zu werden?

Ja, sehr. Denn letztlich hat alles irgendwie und irgendwo eine Bedeutung. Ich lebe jetzt seit über 15 Jahren in Berlin, und München ist genauso eine Stadt der Musik, der Kultur, der Toleranz. Es ist für mich eine große Ehre, Chefdirigent dieses Orchesters zu werden.

Welche Bedeutung hat der 8. Mai für Sie persönlich?

In Israel hat der HolocaustGedenktag eine immense Bedeutung, mehr als der 8. Mai. Jede und jeder in Israel trägt eine Geschichte mit sich, die eine Verbindung zum Holocaust knüpft. In meinem Fall ist es meine Großmutter, die im Juni 95 Jahre alt wird. Sie war noch ein Kind bei Kriegsausbruch und wurde von verschiedenen Familien versteckt. Hauptsächlich in Budapest. Sie war während des Krieges getrennt von ihrer Familie. Ihre Mutter hat sie im Krieg verloren. Holocaust-Gedenktag und 8. Mai fokussieren sich auf diese Geschichten. Sie erinnern uns daran, wo wir herkommen. Auch deshalb bedeutet dieses Konzert mir so viel. Ich messe dem einen großen Wert zu, dass ich als Enkel meiner Großmutter mit meiner Frau in Berlin leben kann, dass dort unsere Tochter aufwächst und dass ich dieses Konzert mit beiden Orchestern in München dirigieren darf. All dies ist für mich absolut nicht selbstverständlich.

Wie wird es sein, wenn es diese Zeitzeugen nicht mehr gibt?

Dann liegt es in unserer Verantwortung, diese Geschichten und Fakten weiterzutragen. Wenn ich, der ich ja kein Teil der damaligen Geschichte war, diese Erzählungen höre, bedeutet mir das sehr, sehr viel. Diese Tradition darf nicht abreißen.

Das Bewusstsein für diese Tradition schwindet aber extrem – sonst würde die AfD in Umfragen nicht vor der CDU liegen.

Exakt. Es gibt zu viele, die jetzt schon vergessen und vergessen wollen. Deshalb müssen die Geschichten weitererzählt werden, und deshalb muss es solche Konzerte geben.

Müssen Künstler manchmal lauter sein in diesen Diskussionen?

Das hängt von der jeweiligen Person ab. Jeder Künstler darf entscheiden, ob er sich Gehör verschafft oder nicht. Wir haben bekanntlich Redefreiheit, also darf man auch entsprechend handeln.

Fühlen Sie sich oft überfordert, weil Sie aufgrund Ihrer Herkunft dauernd auf diese Themen angesprochen werden?

Letztlich bin ich nicht einfach nur ein Israeli. Ich bin als Chefdirigent des Israel Philharmonic Orchestra auch ein Repräsentant. Das Ensemble repräsentiert allerdings die israelische Kultur, nicht die Regierung. Es ist kein Staatsorchester. Es wurde 1936 gegründet, noch vor der Staatsgründung. Hundert Prozent der Mitglieder waren damals Immigranten. Sie hatten ihre Heimat und ihren Beruf verloren, viele auch ihre Familien. Ich bin also auch ein Repräsentant dieses Teils unserer Geschichte. Deshalb verstehe ich, warum ich nach meiner Meinung gefragt werde.

Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt. Haben Sie Angst?

Ja. Aber aus vielerlei Gründen. Egal, wo man auf der Welt gerade ist, gibt es genügend Gründe, um Angst zu haben. Die Situation in Nahost spielt für mich allerdings eine besondere Rolle. Umso mehr müssen wir uns bewusst werden, welche Dinge wir genießen dürfen. Redefreiheit, Wahlen, Rechtsstaat und so weiter. All das ist nicht selbstverständlich, sondern gefährdet. Gerade weil wir es als selbstverständlich empfinden, kann es uns genommen werden. Wir müssen es also verteidigen und darum kämpfen.

Sind Sie dann Optimist oder Pessimist?

Optimist. Zu hundert Prozent.

Igor Levit berichtet oft von Ängsten der jüdischen Mitbürger in Berlin. Sie trauen sich nicht, öffentlich die Kippa zu tragen. Stellen Sie das auch fest?

Ich trage sie nicht, weil ich keine religiöse Person bin. Ich stimme aber Igor zu. Vor allem seit dem 7. Oktober 2023, seit dem Überfall der Hamas auf Israel, hat diese Angst extrem zugenommen. Ich dachte davor nie über so etwas nach, weil in Berlin so viele verschiedene Menschen und Kulturen zusammenkommen. Es ist einer der weltweit kosmopolitischsten Orte. Aber der 7. Oktober hat etwas verändert. Hamas-Mitglieder und ihre weltweiten Unterstützer bedrohen Juden und Israeli. Man macht sich seine eigene Herkunft und mögliche Folgen noch mehr bewusst. Aber das betrifft auch andere Bevölkerungsgruppen. Deshalb sollten diejenigen in Parlamente und Regierungen gewählt werden, die sich dessen bewusst sind.

Und wird es mehr gemeinsame Projekte der beiden Orchester geben?

Sicher, das ist erst der Anfang.

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