Der Sensible

von Redaktion

Der legendäre Jazz-Pianist Keith Jarrett feiert seinen 80. Geburtstag

In seinem Element: Keith Jarrett am Flügel. Störte ihn etwas während eines Konzerts, legte sich der als schwierig geltende Künstler regelmäßig auch mit dem Publikum an. © Wolfgang Weihs/dpa

Feiert 80. Geburtstag: Keith Jarrett. © Bruno Bebert

Diese eine Platte, dieses weiße Doppelalbum, haben auch viele Musikfreunde in der Sammlung stehen, die mit Jazz sonst nichts am Hut haben: Die Klassikliebhaber vielleicht zwischen Janácek und Kagel einsortiert, bei aufgeschlossenen Pop- und Rockhörern irgendwo zwischen Michael Jackson und Jethro Tull. Keith Jarretts „The Köln Concert“ ist mit mehr als vier Millionen verkauften Exemplaren die erfolgreichste Piano-Soloplatte überhaupt. Der Mitschnitt eines Konzerts in der Kölner Oper vom Januar 1975 traf und trifft in seiner Verbindung von lyrisch-elegischer Schwelgerei und rhythmisch intensiv verdichteten Gospelmotiven offenbar einen Nerv. Das „Köln Concert“ ist gerade 50 geworden, sein Schöpfer feiert morgen seinen 80. Geburtstag.

Schon das Covermotiv, das Jarrett versunken über der Tastatur zeigt, scheinbar in sich hineinhörend, auf dass ihn die genialische Inspiration durchströme, ist ikonisch geworden. Die Aufnahme war Jarretts Durchbruch zum Weltstar, seine damals noch relativ junge, in München (heute Gräfelfing) ansässige Plattenfirma ECM hatte in dem unter Genieverdacht stehenden Pianisten fortan einen Erfolgsgaranten, der so manche andere Produktion querfinanziert haben dürfte.

Tatsächlich veröffentlichte ECM, unter der Ägide von Produzent Manfred Eicher, über die Jahrzehnte unzählige weitere Mitschnitte von Solo-Konzerten, eines der schönsten und jüngsten ist das im Gasteig entstandene „Munich 2016“ (wir berichteten). Aber auch das „Standards Trio“, in dem sich Jarrett mit Bassist Gary Peacock und Schlagzeuger Jack DeJohnette dem Great American Songbook widmet, erreichte mit einer Fülle von Einspielungen Legenden-Status. Gerne deutet Jarrett dabei mit der linken Hand harmonische Bezugspunkte an oder baut mit Ostinatofiguren eine rhythmische Spannung auf, über der die Rechte dann scheinbar nach der perfekten Melodie sucht.

Darüber hinaus hat Jarrett in den Siebzigerjahren mit je einem amerikanischen und einem europäischen Jazzquartett eine Reihe hervorragender Aufnahmen gemacht, später aber auch immer wieder Interpretationen von Werken klassischer Komponisten – von Bach und Mozart bis Bartok und Schostakowitsch – eingespielt.

Der als hochsensibel und schwierig geltende Jarrett hat sich immer wieder mit dem Publikum angelegt, wenn er sich von Hustern oder Fotografen gestört fühlte – bis hin zum Konzertabbruch. Dazu wird es nicht mehr kommen: Seit mehreren Schlaganfällen 2018 kann Jarrett nicht mehr auftreten. Seine Fangemeinde dürfte ihm wünschen, dass er seinen runden Geburtstag in Seelenfrieden und guter Verfassung feiern kann.
REINHOLD UNGER

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