Film ab fürs Leben

von Redaktion

Jetzt startet das letzte Dok.Fest unter Daniel Sponsels Leitung

Freut sich auf die elf Festivaltage, die vor ihm liegen: Daniel Sponsel. © Astrid Schmidhuber

Sie werden ja so schnell groß. 16 Jahre ist Daniel Sponsels Baby jetzt. Zeit, das Nest zu verlassen. Nicht für das Baby, sondern für Daniel Sponsel selbst: Nach 16 Jahren als Leiter des Dok.Fests München übergibt er die Führung an Adele Kohout und Maya Reichert und übernimmt ab 1. Oktober die Präsidentschaft der Hochschule für Fernsehen und Film HFF München. Wobei: Eigentlich ist das Dok.Fest München bereits 40 Jahre alt. Doch in den vergangenen 16 davon hat Sponsel es auf eine Weise geprägt, dass man das renommierte internationale Dokumentarfilmfestival durchaus als „sein Baby“ bezeichnen kann. Mit stetig steigenden Zuschauerzahlen machte er das Dok.Fest München zum größten Dokumentarfilmfestival Deutschlands.

Das größte Dokumentarfilmfest Deutschlands

Und nun soll wirklich Schluss sein? Ein Treffen mit Daniel Sponsel – erfüllt von Abschiedsschmerz? Der wiegelt schmunzelnd ab: „Ehrlich gesagt haben wir gerade so viel zu tun, dass ich gar nicht dazu komme, wehmütige Gefühle zu entwickeln.“ Wobei, in den paar ruhigen Momenten so kurz vor Start des für ihn letzten Festivals als Leiter denke er schon manchmal: „Mensch, das ist das letzte Mal, dass du das jetzt erlebst.“ Doch das alles mache so viel Spaß und die neue Aufgabe an der HFF sei so reizvoll – „insofern ist alles gut, genau so, wie es ist“.

Er hat ja selbst einst an der HFF studiert, Regie für Dokumentarfilm. Hat dort sieben Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet. Als er zum Dok.Fest in die Leitung wechselte, unterrichtete er nebenher weiter an der Hochschule. „Ausbildung und Lehre haben mich immer interessiert, insofern habe ich das Gefühl, da schließt sich ein Kreis.“

Das Präsidentenamt an der HFF: die nächste spannende Etappe auf Daniel Sponsels Lebensweg. Für ihn, den einstigen Radsport-Profi, der in seiner Freizeit noch immer vier-, fünfmal die Woche losstrampelt, eine große Freude. Woher kommt sie, diese große Lust am Dokumentarfilm? Und: Ist man nicht irgendwann übersättigt, nach hunderten, tausenden Filmen, die man in all den Jahren gesehen hat? Klare Antwort: „Nein, jeder Film hat irgendetwas Überraschendes.“ Genau das sei ja „das Grandiose“ am Dokumentarfilm. „Anders als beim Spielfilm, wo du bei Drehbuch und Regie etwas konstruierst, das der Fantasie entspringt, wirst du beim Dokumentarfilmen beim Drehen immer wieder vom Leben überrascht. Von Dingen, die man sich nicht ausdenken kann.“

Wer als Filmemacher dieses Genre wähle, müsse neugierig sein auf Menschen. „Es hilft nichts, mit der Kamera durch die Welt zu rennen und eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie der Film am Ende aussehen soll“, betont Sponsel. „Man wählt gewisse Protagonisten, die einen interessieren – und auf die muss man sich einlassen. Man muss ihren Spuren folgen und schauen, was da so kommt.“ Lust zu haben, ins Offene zu gehen, das sei das Geheimnis. Und stets das Geheimnisvolle. „Dann führt der Dokumentarfilm einen an Orte, an denen man garantiert nicht sein kann, vielleicht auch gar nicht sein will. Die eine Bereicherung für dein Leben sein können und oft auch sind.“

Gibt es Filme, die sein Leben verändert haben? Da kommt ihm als Erstes Alain Resnais’ „Nacht und Nebel“ aus dem Jahr 1956 in den Sinn. „Es war für das Kinopublikum die erste Begegnung mit dem Nationalsozialismus, mit den Konzentrationslagern. Das hat mich schon als junger Mensch sehr bewegt.“ Und dann natürlich „La Dolce Vita“ – in dem Federico Fellini 1960 auf schönste Weise vorführte, was es heißt, das süße Leben. „Ein psychologisch sehr kluger Film.“ Oder ganz aktuell „Friendly Fire“, der diesjährige Eröffnungsfilm des Dok.Fests, von Klaus Fried über dessen Vater, den Lyriker Erich Fried. „Das ist ein Film, der mich sehr berührt hat, weil er so viel Zeitgeschichte aus dem 20. Jahrhundert in sich trägt und so viele Punkte auch emotional anspricht. Was Familie angeht, was das Erbe angeht, auch das Erbe eines Traumas. Ein sehr bewegender Film.“

In diesem Jahr wird er ihn noch aus der ersten Reihe mit anschauen, wird jeden Tag von Veranstaltung zu Veranstaltung gehen, hier und da moderieren, Gespräche führen, Kontakte schließen. Und nächstes Jahr? „Da komme ich einfach nur zum Gucken. Das habe ich mir auch schon versucht vorzustellen: Wie es wohl sein wird, ohne den ganzen Stress vorab mich einfach in die Eröffnung zu setzen und zu denken: Oh ja, haben sie gut gemacht!“ Das Baby ist erwachsen.
KATJA KRAFT

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