Schuberts 14 letzte Lieder sind kein Zyklus, auch wenn sein geschäftstüchtiger Verleger sie zusammenfügte und postum unter dem Titel „Schwanengesang“ herausgab. Andrè Schuen und sein Begleiter Daniel Heide ergänzten am Montagabend im Prinzregententheater die sieben Rellstab-Lieder aus Schuberts Todesjahr 1828 mit einem achten und gesellten der „Taubenpost“ von Johann Gabriel Seidl vier weitere Vertonungen aus vorangegangenen Jahren hinzu. Eingebettet darin erklangen die sechs Kostbarkeiten von Heinrich Heine, auf die Schubert mit ganz besonderem Ton reagierte.
Da kündigte sich schon in den ersten Klaviertakten des „Atlas“ Hochdramatisches an, das Schuen dann auch mit üppigem Bariton bediente, bevor er die Tränen fließen ließ („Ihr Bild“) und im „Fischermädchen“ die „schöne Perle“ in seinem Herzen mit leichter Kopfstimme entdeckte. „Die Stadt“ – vom Klavier in Nebel und Dämmerung gehüllt – stattete er mit den reichen Farben seines leicht durch die Register geführten Baritons aus. Fast tonlos machte er den „Doppelgänger“ zu einem Wanderkameraden des Winterreisenden.
Andrè Schuen ist keiner, der seine Stimme ausstellt, sondern ein Sänger, der sie in den Dienst seiner Interpretation der Gedichte stellt. Sprudelte in Rellstabs „Liebesbotschaft“ das (Klavier-)Bächlein noch arg vorlaut, so fanden Pianist und Sänger rasch zu guter Balance. Bei hoher Textverständlichkeit setzte der aus dem ladinischen La Val stammende Schuen auf einen natürlichen, leichten Fluss, verlieh den Fragen in „Frühlingssehnsucht“ Nachdruck und vermied jede Gefühligkeit im „Ständchen“. Und wenn im „Herbst“ die Blüten welken, dann wurde auch seine Stimme fahl.
Im Deklamatorischen wie auch im Mezza Voce („Wiegenlied“) fesselte der Bariton seine Zuhörer – stets unaufdringlich. Ein Künstler des Understatements.
GABRIELE LUSTER