Zum 80. Jahrestag der Befreiung dirigierte Lahav Shani in der Isarphilharmonie zwei Orchester. © Tobias Hase / mphil
„Hallo, Welcome und Schalom!“ So wird man in der Isarphilharmonie nicht jeden Tag begrüßt. Aber am Vorabend des 8. Mai herrscht hier eben alles andere als Routine. Denn zum 80. Jahrestag der Befreiung vom NS-Regime treten die Münchner Philharmoniker gemeinsam mit dem Israel Philharmonic Orchestra an. Und das eben nicht nur beim großen Gedenk-Akt und der anschließenden Tournee, sondern selbstverständlich auch beim Jugendkonzert.
Am Mikrofon wie gewohnt Malte Arkona, der die Reihe sonst auch gerne mal humorvoll flapsig moderiert, aber für diesen gewichtigen Anlass natürlich den richtigen Tonfall findet. So wie im Gespräch mit Tzvi Avni, der einst nach der Machtübernahme der Nazis mit seiner Familie aus Deutschland flüchten musste. Der 97-jährige Komponist ist extra aus Tel Aviv angereist, um nun die Aufführung seines Stücks „Prayer“ zu erleben. Wobei er dem jungen Publikum nicht allzu viele erklärende Worte mitgeben will und sie lieber zum Zuhören auffordert: „Jeder Mensch hat sein eigenes Gebet. Das sind einfach meine Gefühle.“ Emotionen, die sich aber auch ohne große Worte vermitteln. Trotz des begeisterten Beifalls für Avni herrscht nach den letzten filigranen Streicherphrasen für einen kurzen Moment andächtige Stille, die der Komponist zufrieden lächelnd registriert.
Gleiches gilt für Dirigent Lahav Shani, der seine beiden Orchester hier nicht nur gemeinsam auf die Bühne holt, sondern sie zu einem homogenen Klangkörper zusammenschweißt. Ein Abend unter Freunden, an dem man nicht einfach nur die Notenpulte teilt. Zur Halbzeit von Gustav Mahlers Sechster tauscht daher auch Philharmoniker-Konzertmeisterin Naoka Aoki mit ihrem israelischen Kollegen Ilya Konovalov fix den Platz. Ebenso wie die Solo-Positionen der Holzbläser. Da macht es gar nichts, dass zwischen den Sätzen immer wieder begeistert für die multinationale Supergroup applaudiert wird. Immerhin liefert Shani den jungen Menschen im Saal bei ihrer (meist) ersten Begegnung mit Mahler ein hochemotionales Schauspiel, das eben nicht nur das „Tragische“ aus dem Untertitel betont. Auch die Liebe Mahlers zu seiner Frau Alma darf hier immer wieder hoffnungsvoll aufscheinen. Nicht zu vergessen „Special Effects“ wie die draußen im Foyer platzierten Kuhglocken oder die berüchtigten Hammerschläge, die einen jungen Herren in Reihe 13 gleich zweimal aus dem Sitz heben, ehe er zum Schlussapplaus ganz freiwillig aufspringt.
TOBIAS HELL