Ruth Brown ist heute nur noch den eingefleischten Rockabilly-Fans ein Begriff. Doch Mitte der Fünfziger war „Miss Rhythm“, wie sie genannt wurde, eines der heißesten Eisen im Feuer des Atlantic-Labels. Mit fünfzehn schon hatte sie sich von zu Hause davongestohlen, um in Nachtclubs vor Soldaten Jazz und Jump-Blues zu singen, das war definitiv spannender, als ihre rasante Stimme nur in den Dienst des heimischen Methodisten-Kirchenchors zu stellen. Die Rebellion gegen ihren strengen Vater gipfelte darin, dass sie mit siebzehn mit einem Trompeter durchbrannte. Vielleicht speiste sich der Song „(Mama) He treats your Daughter mean“ bei allem sexuellen Innuendo auch aus dieser Erfahrung. Ihr Debüt-Album, das jetzt limitiert in sagenhafter Klangqualität wieder auf Vinyl zu haben ist, wartet mit messerscharfen Rock’n’Roll-Singles auf: „Lucky Lips“ (nicht so zahm wie die Version von Cliff Richards) und „As long as I‘m moving“, aufgelockert mit zart schmelzenden Balladen. Ein Klassiker.
LÖ
Ruth Brown:
„Rock & Roll“ (Atlantic / MFSL).
★★★★★ Hervorragend