Tröstlich: Ausschnitt aus dem Doppelporträt des Drag-Artists Twiga . Es zeigt, worum es bei der Drag Kunst geht: lernen, sich selbst zu lieben, wie man ist. © Anne Coersmeier
Mit offenem Blick: Die Fotografin Anne Coersmeier. © AC-Photography-Art
Drag-Artist Lydia Kayn: einmal in Alltagskleidung, einmal im Kostüm. Zusammengefügt von Anne Coersmeier. © COERSMEIER
Ein ölverschmierter Tankwart in Neuseeland. Kleiner Bruch im Kopfkino: mit perfekt manikürten, langen, neongrünen Fingernägeln. Als die Münchner Fotografin Anne Coersmeier den Mann mit dem unkonventionellen Aussehen vor 13 Jahren in Neuseeland beim Tanken sah, „habe ich wohl etwas zu lange auf seine Nägel gestarrt“, erzählt sie lachend. Er merkte es, sagte frank und frei: „Ich bin eine Dragqueen.“ Und lud sie ein, am Abend in der Bar vorbeizuschauen, wo sich die Szene trifft. Coersmeier wagte sich hinein, noch etwas schüchtern angesichts der für sie fremden Welt. Als der Tankwart vom Vormittag abends in voller Kostümierung vor ihr stand, hätte sie ihn nicht erkannt. Doch er war von solch einer Herzlichkeit, dass Anne Coersmeier sich sofort wohlfühlte in dem kunterbunten Kosmos der Drags. „Ich hatte davor völlig falsche Klischees im Kopf. Habe alle Dragqueens als schwule Männer in Frauenkleidung abgestempelt. In Neuseeland habe ich erstmals erfahren, wie vielfältig die Szene ist und was eigentlich dahintersteckt.“
Der Tankwart zum Beispiel war sehr früh von der Schule abgegangen, in die Drogenszene abgerutscht, dann wurde seine Freundin schwanger – und er betrank sich heillos in einer Bar. Dort lernte er die Drags kennen. „Sie haben ihn wieder aufgebaut. Haben ihm angeboten, in der Bar zu arbeiten. Einzige Bedingung: keinen Alkohol und keine Drogen mehr“, erzählt Coersmeier. Als sie ihn kennenlernte, hatte er die Abendschule absolviert, drei weitere Kinder mit derselben Frau bekommen. War trocken, clean. Eine Geschichte wie ein Märchen. Darin lauter schillernde Figuren.
Im Münchner Künstlerhaus kann man nun etliche davon kennenlernen. 104 Drag-Artists hat Anne Coersmeier fotografiert. Einmal in Alltagskleidung, dann in Kostümierung. Durch geschickte Photoshop-Bearbeitung lässt sie sie auf den Fotos miteinander interagieren, immer in einer Umgebung, die der Persönlichkeit des Menschen hinter der Maske entspricht. Darum geht es Coersmeier: zu zeigen, dass man sich vor den mitunter ziemlich hochgewachsenen, schrillen, oft auch lauten Drags nicht zu fürchten braucht. Und sie erst recht nicht anfeinden darf. „Sie haben ständig mit Ausgrenzung und Angriffen zu tun. Werden von Taxis nicht mitgenommen, angepöbelt“, weiß die Künstlerin, die inzwischen mit vielen Drags befreundet ist. „Was man nicht kennt, macht einem Angst, weil man es nicht einordnen kann.“ Mit ihren Fotografien möchte sie dazu beitragen, Vorurteile abzubauen.
Das gelingt. Die Bilder zeigen, dass der Begriff „Drag-Artists“ berechtigt ist. Was da für irre Kostüme kreiert werden, wie kunstvoll sie ihr Make-up auftragen – das gehört ins Künstlerhaus. Übrigens nicht nur Dragqueens. Da tummeln sich Dragkings, Drag Monster, Drag Creatures. Alle eint: „Es sind wahnsinnig liebe Menschen, die einen aufnehmen, wie man ist.“ Sie nennen die Szene ihre „chosen family“ – eine Familie, die man selbst gewählt hat. Eine, in der man andere Facetten von sich ausprobieren kann. Am Samstag zur Langen Nacht der Musik treten acht von ihnen im Münchner Künstlerhaus auf, mischen sich unters Publikum. Bereit für alle Fragen. Gucken erlaubt. „Sie möchten ja angeschaut werden, möchten, dass man auf sie zukommt. Ohne Scheu.“ Eröffnet neue Welten.
KATJA KRAFT
Bis 21. Juni
Di.-Fr. 13-19 Uhr, Sa. 11-16 Uhr;
Tickets zur Langen Nacht unter muenchenticket.de