An einer Selfie-Station kann man sich wie Jack und Rose im Film „Titanic“ fotografieren lassen. © Sven Hoppe/dpa
Ein Unglück, das in die Geschichte einging: der Untergang der Titanic. © MAD
Ist er das jetzt, der Untergang des Abendlandes? Na, fangen wir erst einmal mit dem Untergang der Titanic an. Den möchte die „immersive“ Ausstellung „Die Legende der Titanic“ nacherzählen. „Immersiv“, das Wort nutzen Veranstalter gern, um sich besonders innovativ zu geben. Durch den Einsatz moderner Techniken sollen die Besucher richtig tief hineinfinden in das jeweilige Thema, mit allen Sinnen abtauchen. Im Falle der Titanic darf man also sagen: Gottlob hat das nicht funktioniert. Eisbaden muss hier keiner. Doch auch die anderen Sinne bleiben merkwürdig unberührt. Ist man jetzt eine alte, weiße Frau, die heillos in der Vergangenheit verankert ist – oder verlieren wir durch derlei Multimedia-Reizüberflutung nicht vielleicht doch maßgebliche Fähigkeiten für ein gutes Zusammenleben? Aufmerksamkeit zum Beispiel. Die Geduld, sich tiefer mit Dingen zu beschäftigen. Hinhören, hinsehen, hinfühlen. Fällt in dieser Ausstellung schwer.
Der Veranstaltungsort enttäuscht
Das liegt auch am Veranstaltungsort. Es ist die erste Ausstellung in der alten Paketposthalle. Riesig, mittendrin ein provisorisch wirkender Kubus, in dem sich die Schau verbirgt. Das also ist geblieben von der altehrwürdigen Titanic, des bei ihrer Indienststellung am 2. April 1912 größten Schiffes der Welt. Drinnen muss man sich erst einmal eine App herunterladen. Auf dem Rundgang gibt es immer wieder Punkte, auf die man mit der SmartphoneKamera halten kann, damit sich in der App was tut. Wie ein Hologramm schwebt dann etwa ein Kapitän durch die Ausstellung und erzählt etwas über die Titanic. Wenn sich die Begleitung danebenstellt und man einen Screenshot macht, hat man ein Foto mit dem Kapitän. Alles sehr auf Social-Media-Content getrimmt also. Genau wie die Selfie-Station. Wie Kate Winslet und Leonardo DiCaprio im Blockbuster „Titanic“ kann man sich da an die Reling stellen, eine Windanlage sorgt dafür, dass alles flattert. Das mögen nette Spielereien sein, vor allem aber sorgen sie dafür, dass die Besucher ständig ihr Handy in der Hand haben.
Im „immersiven Showroom“ wird die Geschichte des Schiffes vom Bau bis zu seinem Untergang erzählt. Doch fühlt man bei den animierten Bildern wenig Liebe fürs Detail. Beim Sprechen öffnen die Protagonisten ihre Münder nicht, wirken unterkühlt, als sei der Eisberg schon in Reichweite. Da hilft auch keine pathetische Musik: berührt nicht. Ebensowenig wie der Virtual-Reality-Raum. Wie Menschen, die im 20. Jahrhundert das erste Mal ins Kino gingen, tapst man mit der VR-Brille im Gesicht umher. Die soll einen durch virtuelle Simulation auf die Titanic versetzen. Doch auch hier erwarten einen wie von Künstlicher Intelligenz schnell hingezimmerte Figuren, die Größenverhältnisse auf dem Schiff stimmen nicht. Fühlt sich an, wie durch einen billig produzierten Animationsfilm zu laufen. Und am Ende weist einen der Kapitän noch auf den Souvenirshop hin. Wem die saftigen Eintrittspreise ab 24 Euro noch nicht genug waren, der kann sich hier zum Beispiel eine Plastikvariante der Kette kaufen, die Kate Winslet in „Titanic“ trägt.
Und so bleibt am Ende nur das ungute Gefühl, dass hier aus dem Unglück der Ertrunkenen eine verkitschte Show gemacht wird. Zugegeben, wenn man mit der VR-Brille auf der Nase an Deck steht und die rauschende See unter sich sieht, ist das herrlich. Dann fällt einem ein, dass das alles bloß animiert ist, man in Wahrheit wie ein Roboter durch eine kalte Halle irrt. Dann vielleicht doch lieber hinaus ins echte Leben – und sich die wahre Geschichte von der Titanic und ihren Insassen auf anderem Wege zu Gemüte führen. Verrückte Idee: durch Bücher oder Dokumentarfilme. Bisschen weniger laut, bisschen weniger leuchtend. Aber so viel intensiver.
KATJA KRAFT
Infos und Tickets
täglich 10 bis 21 Uhr;
Arnulfstraße 195;
www.titanic-immersiv.de