PREMIERE

Ein saftiges Vergnügen

von Redaktion

„Was ihr wollt“ an den Münchner Kammerspielen

Höherer Mummenschanz mit Wiebke Puls. © Maurice Korbel

Es hilft alles nichts. Auch wenn am Anfang eine Kinderstimme aus dem Off altklug erklärt, was in Shakespeares „Was ihr wollt“ passiert: Wer die ohnehin heillos wirre Handlung dieses Komödienklassikers nicht kennt, wird wenig kapieren an dem Abend. Aber das macht nichts. Denn ein saftiges Vergnügen ist Lies Pauwels Inszenierung des Liebeswirren-Dramas an den Münchner Kammerspielen trotzdem. Im Grunde geht es um die alte Geschichte, „Ein Jüngling liebt ein Mädchen, das hat einen andern erwählt“ – wobei hier erschwerend hinzukommt, dass das Mädchen (Christian Löber) sich als Jüngling ausgibt.

„Folgerichtig“ treten alle Akteure erst mal als Marilyn Monroe mit quietschgelben Perücken auf und rollen an fahrbaren Schminktischen vor einem grünen Wolkenhimmel herum. Aus Zitaten und Einfällen entsteht peu à peu ein burleskes Hybrid zwischen Casting-Show, Fete, Musical-Parodie und Nummern-Revue, doch alles so verfremdet, dass der Spaß fast ins Tragische kippt. Unter der bunten Gaudi gähnt sicher ein tiefer Abgrund, aber – das ist die fast schon subversive Botschaft – wir haben jedes Recht dazu, ihn nicht sehen zu wollen.

Wenn man dem ganzen Spektakel gebannt und gut unterhalten zugleich folgt, liegt das daran, dass Lies Pauwel eine Art atmosphärische Essenz des Stücks serviert, obwohl sie die komischen Elemente zugunsten einer melancholischen Grundierung zurückgenommen hat. Es ist quasi szenische Molekularküche, was die belgische Regisseurin hier kredenzt – nicht zur Sättigung gedacht, aber ein Feuerwerk sinnlicher Raffinessen. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet natürlich Musik: Von Barock-Kantaten über Disco-Hits bis hin zu Superschnulzen (unvermeidlich: „Je t’aime“) führt sie uns durch einen Irrgarten der Stimmungen, aus dem man gar nicht mehr herausfinden möchte. Und vollends zur Multimediashow mutiert der Abend (ganz ohne Videos!) durch Johanna Trudzinskis Kostüme, die jede Fashion Week in den Schatten stellen – und fast schon als Bühnenbild fungieren: Untendrunter tragen alle ein hautenges Rennradlerdress, aber darüber gibt’s eine manieristische Orgie aus Puffärmeln, Halskrausen, Strumpfhosen, gerne mal in scheckiger Mehrfarbigkeit.

Dementsprechend „gscheckert“ pendeln auch die großartigen Darsteller zwischen realistischer Oberfläche der Figur und vermeintlicher Authentizität des Schauspielers, der gelegentlich aus der Rolle tritt und erklärt, wie ihm zumute ist. Anrührend subtile Knallchargen in einem höheren Mummenschanz, die uns zu sagen scheinen: Was ihr kriegt, ist, was ihr wollt. Begeisterter Jubel.
ALEXANDER ALTMANN

Nächste Vorstellungen

am 11., 19. und 27. Mai;
Telefon 089/233 966 00.

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