Die Schöne und das Biest
Aus dem klassischen Tanz wird vieles in dieser Aufführung entwickelt: Szene mit Bianca Basler und Patrick Stanke. © Nico Moser
Märchen schreibt die Zeit… Und seit Jahrhunderten werden die alten Geschichten immer wieder neu erzählt. Weshalb es nun nicht darum gehen soll, die deutsche Musicalfassung von „Die Schöne und das Biest“ gegen das gleichnamige Disney-Meisterwerk auszuspielen. Denn anders als bei der Uraufführung vor rund 30 Jahren und mehreren Spielserien im Deutschen Theater weiß das Stammpublikum in der Schwanthalerstraße längst, dass es bei diesem Titel mehr als eine Version gibt und es ratsam ist, das Plakat genau zu studieren.
Der große Pluspunkt der Neuproduktion ist definitiv Choreografin Natalie Holtom, die viel aus dem klassischen Tanz schöpft, aber ebenso weiß, wie man große Shownummern selbst mit einem kleinen Ensemble spektakulär in Szene setzt. Da lässt sich dann fast vergessen, dass die klischeebeladenen Songs von Martin Doepke wieder mal reichlich topfig aus den Lautsprechern dröhnen. Das Team rund um den Komponisten mühte sich zwar, eben kein Disney-Abklatsch zu sein und einen eigenen Dreh zu finden. Aber dabei überfrachtete man die Geschichte leider mit Nebenhandlungen und Nebenfiguren, für deren Charakterentwicklung nur wenig Platz bleibt. Vor allem, da man das Stück nun für die Jubiläumstour noch einmal familientauglich auf unter zwei Stunden einkürzte.
Das erhöht das Erzähltempo, verstärkt aber auch das Kopfschütteln. Wenn etwa der Vater, ohne lange zu überlegen, seine Tochter Bella gegen eine Truhe Gold eintauscht, dann aber dem „grausamen Biest“ empörte Vorwürfe macht, wenn es die vereinbarte Gegenleistung tatsächlich einfordert. Da ist das Textbuch ähnlich löchrig wie beim ersten Auftritt der guten Fee. Die droht zwar neben dem selbstsüchtigen Prinzen gleich noch seinem gesamten Hofstaat mit Sippenhaft und Versteinerung. Doch beim arroganten Gustav wird gnädig ein Auge zugedrückt. Selbst als er ihr den Gehstock aus der Hand tritt und Wasser aus dem Schweinetrog anbietet. Trotzdem sind gerade die Auftritte von Daniela Tweesmann ein Highlight der Produktion. Weil sie die quietschrosa kostümierte Zauberstabschwingerin mit viel Selbstironie ausstattet und ihre Songs mit ordentlich Power in den Saal donnert.
Ein Kompliment geht aber genauso an Livia Wrede, die souverän die Ensemblenummern im Schloss anführt. Sie spielt ein Dienstmädchen, das in eine Blumenvase verwandelt wurde, aber dennoch den Staubwedel ihres Disney-Pendants schwingen darf. Womit die Produktion ebenso in Richtung der übermächtigen Konkurrenz schielt wie bei Bellas gelbem Ballkleid. Was am Ende dann trotz deutlich geringerem Budget den Vergleich geradezu herausfordert.
Aus dem originalen französischen Märchen stammen dagegen Bellas eitle Schwestern. Margot Baars und Maja Dickmann haben ähnlich zweidimensionale Knallchargen zu spielen wie Malcolm Henry als Gustav. Doch dies machen die dynamischen Drei zum Glück mit voller Überzeugung und werden dafür vom großen und kleinen Publikum mindestens so gefeiert wie das Titelpaar. Bianca Basler überzeugt als Bella mit sympathischer Bühnenausstrahlung, und dass dazu noch die Chemie mit Patrick Stanke stimmt, schadet auch nicht. Der Fan-Liebling ist hier wieder einmal eine sichere Bank und bleibt sogar unter der zotteligen Maske immer ganz Prinz, der selbst aus den hölzernen Dialogen alles rausholt, was geht. Und wer weiß, vielleicht lässt die gute Fee ja beim nächsten Mal wieder eine Live-Band springen. Die braucht es für echte Theatermagie unbedingt.
TOBIAS HELL
Vorstellungen
bis 25. Mai;
www.deutsches-theater.de.