Kurt Elling begeistert in der Unterfahrt

von Redaktion

Mit kraftvoller Präsenz: Kurt Elling. © Dave Stapleton

Einen Tag nachdem ein österreichischer Countertenor das europäische TV-Publikum verzückte, riss ein amerikanischer Bariton die ausverkaufte Münchner Unterfahrt zu Begeisterungsstürmen hin. Kurt Elling gilt mit seinem virilen Timbre seit Langem als Jazz-Interpret par excellence. Ambitioniert und eigenwillig war er immer schon. Mit seinem aktuellen Trio Superblue aber hat sich der 57-jährige Grammy-Gewinner aus Chicago eine bewusste Verjüngungskur verordnet, gibt sich funky statt swingend, zieht eher popaffines Entertainment balladesker Gefühlstiefe vor.

Bei den ersten beiden Stücken hätte man noch nicht darauf wetten mögen, dass sich Elling mit diesem MidlifeCrisis-Imagewechsel wirklich einen Gefallen tut. Beinahe Rap-ähnliche, wilde Sprechgesang-Kaskaden bringen seine Stimme eher suboptimal zur Geltung. Doch dann wird das Konzert von Stück zu Stück besser, weil der anfangs wie gedopt wirkende Elling ein bisschen das Tempo rausnimmt und Dynamik reinbringt.

„Gangster of Love“ ist in seiner punktgenau lässig-schmutzigen Bluesigkeit ein früher Höhepunkt, bei einer langsamen Komposition von Carla Bley entfaltet sich Ellings Phrasierungs- und Gestaltungskunst mit ihrer Mischung aus samtiger Verführung und markanter Knorrigkeit zu voller Blüte. Dann wird das Tempo wieder angezogen, Charlie Hunter spielt virtuos Bass (mit dem Daumen) und Gitarre (mit den übrigen Fingern) gleichzeitig („Diese beiden Herren“ stellt Elling ihn vor), während Keyboarder Kenny Banks jr. und Drummer Marcus Finnie den Groove wieder so auf die Millisekunde genau platzieren, wie das halt wirklich nur Amis können.
REINHOLD UNGER

Artikel 9 von 11