Größer geht der Gral kaum: Szene mit Nicholas Brownlee als Amfortas (Mi.) und Ian Koziara als Parsifal. © Monika Rittershaus
Länger als ein paar Stunden sollten Brezen nicht liegen. Doch diese scheinen frisch und knusprig, es geht schließlich um eine heilige Speisung. Die Männerriege im schicken, schwarzen Gründerzeit-Gehrock mampft den Imbiss mit Genuss und verzieht sich plaudernd in den benachbarten Salon, während Parsifal ihnen ungläubig nachstarrt. Sehr nachvollziehbar ist das, wir verstehen ebenfalls nichts. Auch wenn im Hintergrund ein Riesenkelch steht: Die Gralsenthüllung, Höhepunkt für erschaudernde Wagnerianer, kennt man anders.
Aber wir sind ja bei Brigitte Fassbaender. Und von ihr hat man am Allerletzten erwartet, dass sie an der Frankfurter Oper Mystik und Spiritualität oder die Privatreligion des „Parsifal“ bedient. Wie schon in ihrem Erler „Ring des Nibelungen“ menschelt es gewaltig. Kundry hat den Balsam für Gralskönig Amfortas offenbar in der Apotheke besorgt. Zauberer Klingsor ist ein Illusionist mit Zylinder, der die Venusgrotte von Schloss Linderhof nachbauen ließ. Am Ende fallen sich Amfortas und Kundry in die Arme, um neu verliebt das Gralsgedöns hinter sich zu lassen: Kuss und Schluss.
Kein Kothurntheater, keine Operngesten – Brigitte Fassbaender setzt dem ihre federleichte Ironie entgegen. Sie unterläuft das Pathos von Wagners Bühnenweihfestspiel mit einem so einfachen wie schwer zu inszenierenden Mittel: Hier dürfen sich Menschen auf die natürlichste Weise begegnen. Jeder auf der Bühne (auch im Chor) scheint zu wissen, wann und warum er reagiert, was seine Figur in diesem Augenblick empfindet und wie er das szenisch dosiert. Und am besten wird es, wenn alles ineinandergreift, wenn Aktion und musikalische Geste eins werden. Nichts mit Verdopplung hat das zu tun, sondern mit Motivation und innerer Haltung.
Wir sehen den verzweifelten Amfortas, der vor Titurel kniet und um Vaterliebe bettelt. Wir sehen eine behutsame, sonst oft peinlich gezeigte Annäherung von Kundry und Parsifal. Wir registrieren aber auch anderes: Gralsherren, die Kindritter eine Spur zu lange betasten. Amfortas, der (Wochenschaubilder mit dem braunen Diktator kommen da in den Sinn) den Nachwuchs gönnerhaft tätschelt. Und wir beobachten fliehende Buben, die von dieser merkwürdigen Herrenrunde wieder eingefangen werden.
Viele Fährten legt Brigitte Fassbaender. Gerade weil einiges in der Schwebe bleibt, bietet der erste Aufzug die stärksten Momente. Doch dann geht der Abend in den Sinkflug über. Kein Absturz. Aber viel mehr als beim „Ring“ stellt sich beim „Parsifal“ die Frage: Ob es wirklich fast ohne religiös-philosophischen Überbau funktioniert? Ob man mit dem Dauer-Menscheln, so sehr man damit dranbleibt als Zuschauer, alle notwendigen Ebenen erreicht? Und ob man Kundrys dienende Funktion damit verdeutlichen muss, dass Jennifer Holloway zu lange Minuten den Bühnenboden schrubbt?
Letztere hat mit den gefürchteten Ausbrüchen keine Probleme, bewegt sich selbstverständlich in Fassbaenders Konzept, ist aber szenisch nuancierter als stimmlich. Ian Koziara, ein Parsifal-Freak mit Schwanenüberwurf, singt gedeckt und merkwürdig glanzfrei. Dem Raufaser-Belcanto von Andreas Bauer Kanabas hört man gern zu, sein Gurnemanz strahlt klischeefreie Würde aus. Ian MacNeil gefällt sich als Klingsor-Entertainer und singt mit kernigem Bariton fast zu schön, um wahr zu sein. Und Nicholas Brownlee, Münchens aktueller Wotan, gestaltet auch vokal einen schier übermenschlichen Leidensmann. Kein Wunder, dass ihn Brigitte Fassbaender gern in den Fokus rückt.
Bestechendes Dirigat von Thomas Guggeis
Am allermeisten staunt man aber über Frankfurts Generalmusikdirektor. Thomas Guggeis dirigiert einen überlegenen „Parsifal“. Flott ist er mit dem Opern- und Museumsorchester unterwegs, Wagners oft überdehntes Werk darf tatsächlich Konversationsstück sein. Alles spannt sich intensiv und detailreich, die Musik hört sich aber nicht ständig selbst zu. Flexibel ist diese Deutung, klug reagierend auf dramatische Brüche und atmosphärische Wechsel. Tief ist Guggeis in die Partitur gekrochen, die Ergebnisse streckt er einem aber nicht wie ein Einserschüler entgegen.
Überraschenderweise gönnt sich Guggeis dann viel Zeit im Orchesterblühen des dritten Aufzugs – was die szenischen Lücken nur umso größer klaffen lässt. Oben nämlich hat Brigitte Fassbaender mit Ausstatter Johannes Leiacker ein steinernes Zimmer hingeklotzt, in dem sich die Herrenrunde nun als graue Gralsgeister begegnet. Ästhetisch ist das kurz vor dem Unfall. Zur finalen Gralszeremonie wird Sekt statt Brezl gereicht, der Vorhang schließt sich langsam und etwas spät.
Weitere Vorstellungen
am 29. Mai, 1., 7., 9., 14. und 19. Juni; Telefon 069/ 21 24 94 94.