Das Kunstlied ist nicht tot, das beweist auch der bei München lebende Bariton Konstantin Krimmel (32), der schon zu den arriviertesten Interpreten unserer Zeit zählt. © Hösl, Pedersen
Über Dietrich Fischer-Dieskau, den Jahrhundertkünstler, dessen 100. Geburtstag am 28. Mai gefeiert wird, ist schon alles gesagt worden. Fast: Wie denken Sänger der Enkelgeneration über ihn? Ein Gespräch mit Konstantin Krimmel.
Wann sind Sie erstmals auf Dietrich Fischer-Dieskau aufmerksam geworden?
Erst während des Studiums. Wobei ich ohnehin spät zu Lied, Oper und dem gesamten Business gekommen bin. Auf meiner ersten CD, die mir meine damalige Gesangslehrerin gegeben hatte, sang Fritz Wunderlich. Dann war Hermann Prey dran, Fischer-Dieskau kam später. Ich finde es nach wie vor erstaunlich, dass von ihm tatsächlich die meisten Solo-Alben stammen – inklusive Pop-Bereich!
Ist sein Gesang, sein künstlerisches Selbstverständnis typisch für damals gewesen? Vielleicht sogar „nur“ eine Zeiterscheinung?
An vielem kann man sich tatsächlich noch heute orientieren. Einfach, weil er eine sehr schöne, kluge Stimmführung hat. Andererseits gibt es Lieder, in denen er mehr spricht, als singt… Viele, die heute noch in Liederabende gehen, sind mit Fischer-Dieskau groß geworden und empfinden ihn verständlicherweise als Nonplusultra. Was umgekehrt zeigt, dass das Publikum in Liederabenden nicht unbedingt das jüngste ist – und damit gar nicht meinem Alter entspricht.
Was kann man von ihm lernen?
Schwierig, weil seine Stimme so besonders ist. Er konnte scheinbar mühelos alles singen, davor habe ich Ehrfurcht. Auch was Tonarten betrifft. Wenn das Lied im Original eine hohe Lage erforderte, dann hat er die gemeistert. Eine tiefe Lage genauso gut. Andere singen das in Transpositionen. Diese Variabilität und Flexibilität sind einzigartig. Und man kann von ihm Interpretatorisches lernen. Zum Beispiel, wie man mit Pausen umgeht. Wie dramatisch man manche Stellen anlegt – oder nicht. Fischer-Dieskau hat eine der wenigen Aufnahmen von Schuberts Ballade „Der Taucher“ eingespielt. Großartig, cool, spannend. Ganz entscheidend ist aber seine unglaubliche Linienführung. Und seine Natürlichkeit. Ich werde oft gefragt, wer mein großes Idol sei. Meine Antwort verwundert dann die meisten: Peter Alexander.
Die Sangeszunft lässt sich einteilen in Intellektuelle und Instinktsänger im besten Sinne, die eben auch fast alles richtig machen. Zu Letzteren zählen Wunderlich und Peter Seiffert.
Sehe ich auch so. Gerade weil Fischer-Dieskau seiner reinen Intuition womöglich misstraute, bin ich manchmal kein Riesenfan. Ich selbst bin keiner, der alles komplett plant und sich alles genau zurechtlegt. Oft mache ich im Liederabend vieles nicht so, wie wir es geprobt haben.
Ist das eine Zeiterscheinung? Ticken junge Sänger anders?
Es mag sein, dass all das mit dem Deutschunterricht zu tun hat. Früher hat man sich viel intensiver mit Lyrik, überhaupt mit Literatur auseinandergesetzt. Man wusste, was im „Prometheus“ oder in der „Bürgschaft“ steht. Die Gedichte, die wir in der Schule behandelt haben, könnte ich dagegen an zwei Händen abzählen.
Sang Fischer-Dieskau dann zu den goldenen Zeiten des Kunstlieds?
Oft heißt es: „Das Lied ist tot.“ Doch dann schaue ich in meinen Kalender, in den der Kolleginnen und Kollegen und denke mir: Nein. Sicher war es früher so: Wenn man jemanden hören wollte, musste man ins Konzert. CD, Youtube und Live-Streams bieten jetzt andere Möglichkeiten. Das Konzert war früher also etwas Selbstverständliches. Ich sehe, was die Popularität des Lieds betrifft, eher Wellenbewegungen. Momentan gibt es tatsächlich eine relativ große Anzahl an Kollegen. Möglicherweise ein Aufschwung.
Weil die Künstler das wollen oder weil das Publikum Lust hat?
In erster Linie hängt es ab von den Künstlern. Wir machen das ja nicht aus Jux, dass wir uns hinhocken und 30 Gedichte einfach mal auswendig lernen. Und dabei treffen wir auf ein interessiertes Publikum – wobei das Lied naturgemäß nicht in riesigen Sälen vorgetragen wird. Man kann übrigens ohne großes Hintergrundwissen in einen Liederabend gehen. Dafür braucht es dann aber jemanden auf der Bühne, der den Inhalt wirklich erzählen kann – auch bei einem so anspruchsvollen Text wie der „Bürgschaft“ oder bei einem nur scheinbar einfachen Text wie „Wanderers Nachtlied“.
Fischer-Dieskau hat inszenierte Liederabende abgelehnt bis gehasst. Wie geht es Ihnen? Darf Lichtregie oder Theatralisches sein?
Da bin ich mehr auf seiner Seite. Man sollte dem klassischen Konzept des Liederabends vertrauen. Womit ich mich anfreunden kann: ungewöhnliche Spielorte ausprobieren. Diese traditionelle Grenze zwischen Publikum und Bühne empfinde ich manchmal als altbacken – wobei ich selbst froh bin, wenn es einen gewissen Abstand gibt und ich mein Reich habe. Man kann auch kurze Erläuterungen geben, das tue ich bei nicht deutschsprachigen Liedern gern. Die Frage ist immer: Wird eine „Winterreise“ besser, wenn man dazu Bilder oder ein Video zeigt oder jemand tanzt? Das ist in der Oper genauso: Wird Mozart besser, wenn man ihm mit sehr viel Regie-Konzept begegnet? Die Stücke selbst sind so gut und stark, dass man auf sie vertrauen kann. Ich muss es also in der „Winterreise“ nicht schneien lassen.