Frischer Nordwind überm See

von Redaktion

Lilli Paasikivi vor ihrer ersten Saison als Intendantin der Bregenzer Festspiele

„Den 16. Juli kann ich kaum erwarten“: Lilli Paasikivi ist ausgebildete Opernsängerin und war zuvor Intendantin der Finnischen Nationaloper in Helsinki. In Bregenz folgt sie auf Elisabeth Sobotka. © Anja Köhler

Über tausend Seen verfügt ihr Heimatland – Wasser ist Lilli Paasikivi also gewöhnt. Doch jetzt, mit Schreibtischblick auf eines der größten Binnengewässer Europas, ist der neue Job doch eine andere Nummer. „Ich habe eines der besten Büros der Welt“, gesteht die Intendantin. Und: „Ich kann den 16. Juli kaum erwarten.“ Wer der Finnin gegenübersitzt, glaubt ihr alles aufs Wort. An jenem Datum nämlich beginnt ihre erste Saison als Chefin der Bregenzer Festspiele.

Es ist die Drittkarriere für die 59-Jährige. Paasikivi ist gelernte Mezzosopranistin, sang sich vom Octavian über Carmen und Amneris bis zur Fricka durchs große Opernfach. Nach fünf Jahren an der Finnischen Nationaloper wurde sie dort Intendantin. Und nach zehn weiteren Jahren, so sagt sie, sei es doch an der Zeit gewesen, etwas Neues zu riskieren. Bregenz habe ihr dafür eine „Riesenmöglichkeit“ geboten. Paasikivi ist am Bodensee Nachfolgerin von Elisabeth Sobotka, die bekanntlich zur Berliner Staatsoper wechselte.

All dies erzählt Paasikivi übrigens auf Deutsch. In der Schule habe sie fünf Jahre lang Unterricht gehabt und danach viele deutsche Partien gesungen. Wobei Letzteres nur bedingt sprachfördernd war – „was man eben für Wörter für Mahlers Kindertotenlieder oder Wagners Brangäne braucht“. Und noch immer gibt es da eine entscheidende Barriere. „Wenn wir in Bregenz ein Meeting haben, und alle sprechen Vorarlbergerisch, ist das eine Riesenherausforderung.“ Mit ihrem offensiven Charme und dem trockenen Witz dürfte Paasikivi nicht nur in Bregenz die Menschen schnell für sich gewinnen. Etwa wenn sie davon erzählt, mit großen Dimensionen längst vertraut zu sein. „Schließlich bin ich Finnin – und habe natürlich auf der Skisprungschanze zur WM in Lahti gesungen!“

Traditionell setzt sich die neue Chefin oder der Chef in Bregenz in ein halbwegs gemachtes Nest. Man übernimmt die Seebühnen-Produktion, das ist heuer erneut Webers „Freischütz“ in der Inszenierung von Philipp Stölzl. Auch wenn im vergangenen Premierenjahr oft über die sprechtextlastige Produktion gemeckert wurde: Einnahmetechnisch war die Sache mit 28 ausverkauften Aufführungen à 6800 Plätze ein Erfolg. 26 Termine mit 175 000 Tickets wurden für diesen Sommer angesetzt, bislang ist ein Viertel weg – das ist für Bregenzer Verhältnisse nicht unbedingt rekordverdächtig. Mittlerweile hat sich der Anteil der deutschen Gäste eklatant erhöht, erläutert Geschäftsführer Michael Diem. Vor der Corona-Pandemie habe der bei zwei Drittel gelegen, jetzt rangiere er bei über 70 Prozent. Zehn Prozent kämen aus der Schweiz, relativ wenige Besucherinnen und Besucher aus Vorarlberg: „Die warten oft ab, ob das Wetter schön ist, und kriegen dann keine Karten mehr.“

Programmatisch setzt Lilli Paasikivi mit der Premiere im Festspielhaus ein Zeichen. Dort kommt am 16. Juli „Œdipe“ von George Enescu heraus, eine monumentale, Chor-lastige Opernverarbeitung der antiken Ödipus-Tragödie. Andreas Kriegenburg führt Regie, am Pult der Wiener Symphoniker, des Festspielorchesters, steht mit Hannu Lintu – natürlich – ein Finne. „Ich bin eine Freundin von großen, starken, überwältigenden Opern“, begründet die Intendantin ihre Wahl. Anders als sonst üblich wird das Stück ungekürzt inklusive Ballettmusik gespielt, was drei Stunden mit einer Pause bedeutet und die Wagner-gestählte Paasikivi zum Ausruf provoziert: „Das ist nix!“

Eine ganze Reihe von Konzerten, ein Kooperation mit dem Wiener Burgtheater (die Uraufführung „bumm tschak oder der letzte henker“ von Ferdinand Schmalz), Rossinis „La cenerentola“ im Theater am Kornmarkt und vieles mehr runden das Sommer-Programm ab. Den Festspielen möchte Paasikivi auch Heimatliches unterjubeln: „Wenn sie eine nordische Intendantin gewählt haben, dann bekommen sie auch etwas Nordisches.“ Zum Beispiel einen Tango-Abend auf der Werkstattbühne mit einem Ensemble aus dem Tausend-Seen-Land. „Das ist Nationalsport bei uns. Nicht so elegant wie in Argentinien, es ist ein Bürgertango“, sagt die Intendantin. Um lächelnd nachzuschieben: „Es war die erste ausverkaufte Produktion.“
MARKUS THIEL

Informationen

zum genauen Programm
und zum Vorverkauf unter
www.bregenzerfestspielecom.

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