Nemorino nähert sich zart, während Dulcamara (re.) sich als Las-Vegas-Entertainer aufspielt.
Balzen unter der Zitronensonne: Der blasierte Hauptmann Belcore und der schüchterne Nemorino buhlen um die Provinz-Diva Adina. © Marie-Laure Briane
Einige hatten da wohl fast schon auf ein Da capo spekuliert. So euphorisch und so hartnäckig, wie das Gärtnerplatz-Publikum Matteo Ivan Rašic nach der berühmten „Furtiva Lagrima“ feiert. Aber nein: Als die Bravo-Rufe nach einer gefühlten Ewigkeit langsam verebben, kann die Premiere von Donizettis „Elisir d’amore“ endlich ihrem Happy End entgegenstreben. Und das ist auch gut so. Schließlich wartet auf der Zielgeraden ja noch das zauberhafte Duett mit Jennifer O’Loughlin, nach dem sich ähnliche Szenen im Saal abspielen. Denn was man hier geboten bekommt, ist Belcanto vom Feinsten. Nicht zuletzt dank Dirigent Michael Balke, der die Sängerinnen und Sänger behutsam trägt, Donizetti dabei keineswegs auf die leichte Schulter nimmt und im Graben ordentlich anschiebt. Nicht zu vergessen Pedro Rogério Aguiar Silva, der als geflügelter Amor die Lieben umkreist und sie in den rezitativischen Momenten virtuos auf der Gitarre begleitet.
Vollgas gibt auch Regisseur Dirk Schmeding, der immer wieder tief in die Slapstick-Kiste greift und keine Sekunde Stillstand zulässt. Da wird dank der Präsenz von Julia Sturzlbaum nicht nur die Stichwortgeber-Rolle der Giannetta ordentlich aufgewertet. Auch Wunderdoktor Dulcamara bekommt bei seinem Auftritt als Las-Vegas-Entertainer gleich noch drei langbeinige Showgirls zur Seite gestellt. Und der aufgeblasene Hauptmann Belcore hat meist ein skurriles Soldaten-Quartett mit Ballett-Ambition im Schlepptau. Was das Publikum zum Schmunzeln bringt, ab und an aber doch ein bisschen zu viel des Guten ist.
Optisch wird das Geschehen mit nostalgischer Brille in den Achtzigern verortet. Etwa bei den Kostümen und der hochtoupierten Perücke der Adina, die es offenbar von „Dallas“ in die italienische Provinz verschlagen hat. Jennifer O’Loughlin darf hier zunächst die große Seifenopern-Diva geben und dabei stimmlich an ihre gefeierten Donizetti-Königinnen anknüpfen. Doch dass auch sie sich auf Komödie versteht, merkt man spätestens bei der verunglückten Verlobungsfeier, wo sie im Duett mit Dulcamara zu Hochform aufläuft.
Levente Páll ist in dieser Paraderolle natürlich wieder ein absoluter Publikumsliebling. Ebenso wie Matija Meic, der den Belcore in bester Buffo-Manier und damit fast schon als kleinen Bruder des großmäuligen Quacksalbers angehen darf. Was zur Folge hat, dass man ihn nicht wirklich als ernsthaften Konkurrenten von Nemorino in Betracht zieht. Womit die Regie leider eine entscheidende Komponente verschenkt. Aber weil bei dieser spritzigen Komödie eh niemand am glücklichen Ausgang zweifeln dürfte, lässt sich da leicht ein Auge zudrücken. Denn egal, wie dankbar hier alle Protagonisten von Donizetti bedacht wurden, „L’elisir d’amore“ ist und bleibt die Oper des Tenors, dessen großer Bravour-Arie man den ganzen Abend entgegenfiebert. Ein ruhiger Moment, den Regisseur Schmeding klug vorbereitet. In der laut extrovertierten, eben „typisch italienischen“ Dorfwelt scheint der schüchterne Nemorino schon beim Öffnen des Vorhangs der Einzige, der sich nicht hinter einer theatralischen Fassade verstecken muss. Ein leicht verklemmter Nerd, der sich mit dem Walkman in eine eigene Welt flüchtet und die Liebesschwüre für seine tollpatschigen Flirtversuche vom Notizblock ablesen muss. Bis dann schließlich der wirkungslose, aber dafür umso hochprozentigere Liebestrank endlich seine Zunge löst.
Matteo Ivan Rašic singt und spielt all diese Facetten so ehrlich und so tief empfunden, wie man es sich bei einem solchen Belcanto-Fest nur wünschen kann. Und wer noch keine Karten hat, sollte sich ranhalten – das Haus dürfte voll werden.
TOBIAS HELL
Nächste Vorstellungen
am 29., 31. Mai, 28. Juni, 11., 18, 22. Juli; gaertnerplatztheater.de.