Manege frei für Dancando com a Diferenca. © Vidal Vertex
Mächtiger Andrang in der Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele, zurzeit auch Spielort für die Dance-Biennale. Gast war gerade Dancando com a Diferenca, eine inklusive Compagnie aus Madeira, der Inselgruppe weit im Atlantik vor der portugiesischen Westküste. Der kreolische Stücktitel „Öss“, Knochen, führt uns bereits hin auf das innere menschliche Gerüst, das von Geburt an fehlgestaltet sein kann. Die Regie der freischaffenden Marlene Monteiro Freitas gibt uns erst mal Zeit, sich in das Thema „Behinderung“ einzufühlen.
Als Auftakt begrüßt uns ein junger Mann in buntem Boxer-Outfit mit herumtanzenden Kampfgesten und mündlicher Kontaktsuche. Dann Vorhang auf, und wir fühlen uns wie mittendrin in dieser hellweißen Kulisse – Heim, Klinik, Anstalt oder eben Spielwiese für dieses Team. Ganz klar: herrlich verspielt ist dieses inklusive Ensemble. Operngesang oder Geräuschiges strömt in den hohen Raum. Aber auch die Akteure versuchen sich klimpernd an der Gitarre oder halten nicht wirklich verständliche Reden am Mikro. Nichts muss hier Sinn machen. Einfach lebendig, auf eigene Art aktiv sein, das ist hier die Parole.
Während auf erhöhtem Podium zwei Wächter soldatisch das Geschehen überwachen, legt die Crew los: Zwei Krankenschwestern in weißen Kitteln sind beschäftigt mit Aufräumen. Gleich sind zwei andere Mitglieder als Geburtshelfer aktiv, während die Schmerzen der Wehen durch den Raum hallen. Drei Akteure verkleiden sich mit einer Art Strumpfmaske zum BabyElefanten-Trio. Herrlich! Lernt man hier nicht, dass das Leben auch Spiel sein kann? Und muss man nicht bewundern, wie eine Schauspielerin, die wohl durch einen Unfall beide Beine verloren hat, auf den kurzen Stümpfen behende durch die Arena fegt, an der Turnstange Salto dreht und am Mikro mit leiser Ironie ein Liebeslied kredenzt?
Unter der künstlerischen Leitung von Henrique Amoedo – der sich auch einmal ins Bühnengeschehen wirft – ist die Truppe in den vergangenen 15 Jahren international bekannt geworden. Und dass sie uns berührt hat, wurde durch den tosenden Schlussapplaus mehr als deutlich.
MALVE GRADINGER
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unter dance-muenchen.de.