PREMIERE

Ein Monster zum Knuddeln

von Redaktion

Philipp Arnold inszenierte „Frankenstein“ am Volkstheater

Für Grusel sorgt das Bühnenbild mit harten Schatten sowie spektakulären Licht- und Nebeleffekten. © Arno Declair

Und die Moral von der Geschicht? „Liebe deine Monster wie dich selbst“, könnte sie lauten – und am Münchner Volkstheater fällt einem das auch gar nicht schwer. Denn in der „Frankenstein“-Inszenierung von Hausregisseur Philipp Arnold „nach Mary Shelley und Thomas Melle“ sieht das künstliche Geschöpf des Dr. Frankenstein ganz und gar nicht so furchterregend aus, wie man das von den bekannten Adaptionen dieses Stoffes gewöhnt ist. Zudem wird es von Nina Noé Stehlin gespielt, die doch eher weiblich als monströs agiert und außerdem die Kreatur aus dem Labor so verletzlich, menschlich und liebesbedürftig darstellt, dass man sie in den Arm nehmen und beschützen möchte. Ein Monster zum Knuddeln quasi, bei dem unverständlich bleibt, warum sein Anblick angeblich alle Menschen in Panik fliehen lässt.

Für Gänsehaut-Stimmung (wenn auch sehr erlesene) ist dagegen Lili Anschütz’ Bühnenbild zuständig, eine Art kubistischer Abenteuerspielplatz mit harten Schatten, verkohlten Baumstümpfen, afrikanischen Masken – und vor allem mit spektakulären farbigen Licht- und Nebeleffekten irgendwo zwischen Hieronymus Bosch und psychedelischem Trip. Die ganze optische Grand-Guignol-Kulinarik scheint auch sinnvoll als Kontrast zum etwas verkopften, doch unausweichlichen Versuch der Inszenierung, das Frankenstein-Motiv mit dem aktuellen Hype um Künstliche Intelligenz (KI) kurzzuschließen. Denn von Anfang an tauchten in Bezug auf KI die fast archetypischen Ängste auf, eine Schöpfung des Menschen könne sich selbstständig machen und am Ende ihren Schöpfer unterwerfen – so wie auch die Kreatur von Dr. Frankenstein (Cedric Stern mit Beuys-Hut).

Zwecks Aktualisierung gibt es also eine Rahmenhandlung, die in der Gegenwart spielt. Da sehen wir Viktor (Julian Gutmann), der einen verregneten Urlaub am Genfer See verbringt – eben dort, wo Mary Shelley 1816 den Roman „Frankenstein“ schrieb. Aus Langeweile kippelt Viktor vor dem eisernen Vorhang minutenlang waghalsig auf einem Stuhl herum. Als ihm auch das zu blöd wird, bittet er eine Sprach-KI mit dem bezeichnenden Namen Shelley, ihm eine Schauergeschichte zu erzählen. Und schon findet er sich als Mitspieler in einer Virtual Reality wieder, in der eben die bekannte Geschichte vom verrückten Wissenschaftler Dr. Frankenstein abläuft, der einen aus „Resten“ gebastelten Menschenkörper zum Leben erweckt.

Aber gerade als es spannend wird, bricht die Handlung im Gruselmärchenland ab, und Viktor ist wieder allein in der schnöden Realität vor dem eisernen Vorhang: „Du hast das Ende der kostenlosen Testversion erreicht“, erfährt er zur Erheiterung des Publikums von der KI, und für eine Fortsetzung müsse er eben blechen. Weil aber die Zuschauer schon geblecht haben, geht’s natürlich doch weiter, und am Ende sind alle tot. Zum Glück gibt es als Bonusmaterial dann allerdings doch noch eine zweite, weniger harsche Version, wo die Schluss-Szene im ewigen Eis spielt.

Das Motiv der liebesbedürftigen Androiden, die nur gefährlich werden, weil ihre Schöpfer sie verachten, erinnert natürlich zudem an den Cyberpunk-Klassiker „Blade Runner“. Sollten wir vorsorglich also auch schon mal die KI ins Herz schließen nur für den Fall, dass sie eines Tages Gefühle entwickelt? Begeisterter Jubel.
ALEXANDER ALTMANN

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