Donnerwetter, mein lieber Scholli, alle Achtung – kann die Klavier spielen! Hiromi Uehara, die als Künstlernamen nur ihren Vornamen verwendet, wird seit einigen Jahren als Wunderkind der Tastatur gehandelt und hat sich mit ihrem virtuosen Hochdruck-Fusion-Jazz eine beachtliche Fangemeinde erspielt, wie die beinahe ausverkaufte Münchner Isarphilharmonie bewies. Wer Musik vor allem unter sportlichen Kriterien beurteilt – höher, schneller, weiter – konnte nur beeindruckt sein.
Es fiele leicht, der Japanerin Begriffspaare wie „überschäumendes Temperament“ oder „überbordende Spielfreude“ anzuhängen. Bei genauerem Hinhören indes entpuppt sich ihre Musik als wenig originelles Recycling-Produkt. Da ist vieles bei den Fusion-Pionieren der Siebzigerjahre (Chick Corea, Weather Report) zusammengeklau(b)t, einschließlich gruselig-zickiger Keyboards-Sounds, die man eigentlich für immer in der Klischee-Mottenkiste weggesperrt wähnte. Die Versatzstücke werden halbwegs raffiniert neu montiert – dann wird der Turbo zugeschaltet. Mit ihrem Quartett Sonicwonder spult sie perfekt einstudierte Fingerfertigkeiten und auf den Effekt hin kalkulierte Steigerungsorgien ab. Zwar gibt es etwa in der vierteiligen Suite „Out There“, Titelstück ihres aktuellen Albums, auch zurückhaltendere Passagen – so wie in einem Action-Blockbuster mehr oder weniger sinnige Dialoge von einer Verfolgungsjagd zur nächsten Explosion überleiten. Hiromi ist ein Mensch mit großem Talent und offenkundigem Spaß am Job – aber ihre Musik klingt so perfekt und uninspiriert wie von KI generiert. Ein Konzert, so überwältigend und nachhaltig wie ein „Fast and Furious“-Streifen.
REINHOLD UNGER