Wenn Grigory Sokolov einmal im Jahr nach München kommt, dann entern die Klavierfreunde den Herkulessaal bis hinauf auf die Bühne. So auch am vergangenen Samstag.
Im Gepäck hat der in seinem Auftreten so introvertiert wie in seinem Spiel beredte Künstler diesmal Werke zweier großer Bs: von Brahms und Byrd. Dem englischen Renaissance-Komponisten, William Byrd, einem Zeitgenossen Shakespeares, galt der erste Teil. Obwohl Byrd natürlich für die zur elisabethanischen Zeit gängigen Tasteninstrumente, also Cembalo oder Virginal, schrieb, adaptierte Sokolov ihn für den modernen Steinway-Flügel, was für strenge AlteMusik-Fans ein Sakrileg sein mag.
Aber Sokolovs brillanter Triller-Fertigkeit in alle Richtungen zuzuhören und mitzuerleben, wie er in den Variationen über das Volkslied „John come kiss me now“ Byrds Ideenreichtum offenbart, das fasziniert wohl jeden. Während er die folgenden Tanz-Sätze (Pavane, Galliarde etc.) fast zäsurlos spielt, kann der Zuhörer die Klarheit und Dichte der oft kanonartigen Stimmführung ebenso verfolgen und genießen wie die Fülle an Verzierungen – bis hin zum duftigen „Callino casturame“.
Nach der Pause dann ist Grigory Sokolov bei Brahms vollkommen in seinem Element. In den vier frühen Balladen, quasi vier Sonaten-Sätzen, beantwortet er den akkordisch gepushten Aufruhr der ersten mit dem Lyrismus der zweiten, der sein Anschlag viel Poesie verleiht. Nach fast bedrohlichem „Scherzo“, singt Sokolov die vierte Ballade versöhnlich aus.
Den großen Kontrastreichtum in Brahms’ beiden Rhapsodien op. 79 arbeitet der Pianist schließlich stimmig heraus, baut hohe Spannung auf und phrasiert den Mittelteil der ersten sehr kantabel. Wie der 75-Jährige dann Versonnenes gegen Aufgewühltes setzt, wie er die Komposition schattiert und beleuchtet oder die Dramatik schürt, das macht auch die g-Moll-Rhapsodie zum Erlebnis. Tosender Beifall, viele Zugaben.
GABRIELE LUSTER