Freigetanzt: Das brasilianische Ensemble erzählt von der Geschichte seines Landes. © Renato Mangolin
Genau genommen, hat dieser Abend nur einen Fehler. Lediglich zweimal gastierte „Zona Franca“ von der Choreografin Alice Ripoll beim Dance-Festival in München. Wer kein Glück hatte, eine Karte für eine der beiden Vorstellungen am Mittwoch und Donnerstag im Volkstheater zu ergattern, hatte nicht nur Pech, sondern wirklich etwas verpasst.
Auf der Bühne 2 des Hauses, das heuer erstmals Kooperationspartner der Tanzbiennale ist (und außerdem „Fase“, Anne Teresa De Keersmaekers erste Choreografie aus dem 1982, gezeigt hat), entwickeln diese 75 Minuten einen machtvollen Sog. Ripoll, geboren in Rio de Janeiro, gelingt es dabei, theatral zu erzählen – nicht zuletzt deshalb ist diese Arbeit genau am richtigen Ort. „Zona Franca“, was übersetzt „Freihandelszone“ bedeutet, berichtet von der jüngeren Geschichte Brasiliens. Da geht es um die dunklen Jahre 2019 bis 2022 unter dem autokratischen Präsidenten Bolsonaro, um die vergessene junge Generation, um sozialen Frust und wirtschaftliche Unsicherheit. Aber es geht eben auch um die Fußballbegeisterung, um die Liebe zum Leben – und die Hoffnung auf einen Neuanfang, nicht zuletzt in der Politik, den es in der Heimat des Ensembles ja gegeben hat. „Zona Franca“ ist also eine durch und durch optimistische Choreografie.
Der Drang zur Freiheit spiegelt sich in den Tanz-Stilen. Ripoll und ihre Kompanie Cia.Suave mixen Samba und Hip-Hop, lassen Elemente des Passhino mit starken Ensembles auf Zitate des Voguing treffen, das aus der Ballroom-Kultur stammt. Während die Videoinstallation „art.Life“ im Kunstbau Körper in der Präzision ihrer Bewegungen zelebriert (siehe oben), feiert „Zona Franca“ die Freiheit des Individuums – in der Gemeinschaft. Dass die Truppe Humor und Lebenslust nicht vergisst, macht ihr Gastspiel zu einem Höhepunkt.
MICHAEL SCHLEICHER