Wenn ein Roman mit dem Waterboarding-Spiel zweier Geschwister angeht, weiß man, dass es mit der „heilen“ Familienwelt nicht weither ist. Die niederländische Schriftstellerin Jente Posthuma, Jahrgang 1974, warnt also vor in der ersten Episode der Mama-Bruder-Schwester-Geschichte „Woran ich lieber nicht denke“. Auch der Titel des im Original 2020 und jetzt auf Deutsch erschienenen Buchs signalisiert, dass Denken und Sich-Erinnern nicht selten Arbeit ist; schwere Arbeit im Fall der jungen Frau, aus deren Perspektive erzählt wird. Die Autorin formt all das große Schwere, die vielen kleinen Verletzungen, das innig Schöne, den Alltagstrott, die Hilfsangebote, die Überlebensstrategien indes sprachlich so elegant, menschlich so ehrlich und humoristisch so skurril, dass die Lektüre leicht fällt, ja geradezu schwungvoll ist.
Posthuma nutzt für das Erzählerin-Ich keinen Bewusstseinsstrom, sondern Bewusstseinssplitter. Sie werfen Schlaglichter auf ihre Beziehungen, in deren Zentrum die Verbindung zu ihrem Bruder steht. Die Splitter setzen sich zwar zu einem Mosaik zusammen, das allerdings kein perfektes Bild ergibt. Die Leerstellen kann jede und jeder auffüllen oder eben stehen lassen. Die Unsicherheit im Sein des Ichs überträgt sich damit direkt auf die Lesenden.
Die Frau, die als Kind Foltern, Töten-Vortäuschen, Fast-Ertrinken ausprobiert hat, ist Zwilling. Nun ist der Bruder tot. Als Mann in den besten Jahren ist er mit Steinen aus der Sammlung seiner Mutter in den Jackentaschen ins Wasser geradelt und ertrunken. Die Nähe zwischen den Geschwistern war bereits vorher einem Mix aus Distanzierung und Sehnsucht nach dem anderen gewichen; zumindest aus der Sicht des weiblichen Teils. Wir begleiten die Übriggebliebene bei der Emanzipation als Einzelne.
Posthuma entwickelt fesselnd die Persönlichkeit der Frau sowie ihre familiären oder freundschaftlichen Bindungen und die Frau-Mann-Relationen. Vor allem überzeugt, wie vielgestaltig die Autorin die Fäden zwischen den Zwillingen webt. Deswegen geht sie über die individuelle Ebene hinaus: Mit dem Motiv Waterboarding hat sie die Verknüpfung von Sadismus und politischem Handeln eingeführt. Das Phänomen Zwilling ermöglicht historische Bezüge: zu den Verbrechen des KZ-Arztes Mengele an Zwillingen und zu den Verbrechen der islamistischen Attentäter der Twin Towers (samt Trumps Geschmacklosigkeit, „nun besitze er das höchste Gebäude“). So kann Posthuma die ethische Frage nach einer „Hierarchie des Leids“ und nach dem Überleben-Können aufwerfen.
SIMONE DATTENBERGER
Jente Posthuma:
„Woran ich lieber nicht denke“. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Luchterhand, München, 252 Seiten; 22 Euro.