Isabell Antonia Höckel als Achen. © Sandra THEN
Wie heißt es schon in einem bekannten Kirchenlied: „Wir sind nur Gast auf Erden“ – und darum hat Bühnenbildner Botond Devich auch zwei Hotelzimmer ins Münchner Marstalltheater gebaut. Diese von Traurigkeit durchwehten Sphären flüchtiger Aufenthalte erweisen sich als das passend-sarkastische Setting für „Das Gelobte Land“ – eine Migrationstragödie der ugandischen Autorin Asiimwe Deborah Kawe, deren Uraufführung das diesjährige „Welt/Bühne“-Festival (wir berichteten) des Residenztheaters eröffnete.
Ins Gelobte Land hofft also die afrikanische Krankenschwester Achen (Isabell Antonia Höckel) zu kommen, die für ein Seminar über Geburtshilfe und Familienplanung in „Subsahara-Afrika“ ganz legal in die USA reist. Zu Hause hat sie ihre gesamte Familie im Bürgerkrieg verloren, daher beschließt sie, nach Ablauf des Visums „unregistriert“ in Amerika zu bleiben. Dabei muss sie zuerst erfahren, dass es mit der Solidarität unter Migranten nicht weit her ist: die, die schon länger da sind, nutzen die Hilflosigkeit der Neuen aus und betrügen sie um ihr hart und illegal erarbeitetes Geld – ganz zu schweigen von noch kriminelleren Geschäften mit jungen Mädchen.
Achen hangelt sich also in dem Stück von einem schwarz bezahlten Pflegejob zum nächsten, dazwischen ist sie, zwei Koffer mit Habseligkeiten schleppend, immer kurz obdachlos. Später beantragt sie trotz fehlender Papiere sogar eine Steuerkarte, weil im Land der unbegrenzten Möglichkeiten offenbar auch das geht. Und schließlich heiratet sie einen weißen Mittelschicht-Amerikaner, von dem sie ein Kind bekommt. Trotzdem wird sie, einen Tag vor der Anhörung für eine Daueraufenthaltsgenehmigung, aus ihrem Familienheim heraus verhaftet – verpfiffen von einer „Freundin“ (Liliane Amuat), die in evangelikale Kreise geraten ist.
Der ungarische Regisseur Jakab Tarnóczi inszeniert diese aufwühlende Geschichte sehr gekonnt als Mischung aus griechischer Tragödie und Melodram, die noch dazu spannend ist wie ein Krimi. So gelingt es ihm, die Klippen der Betroffenheitsdramatik zu umschiffen, die in dem Stoff unweigerlich lauern, und er weitet die Geschichte zur existenziellen Parabel über Hoffnung, Elend, Glück und Verrat. Vor diesem Hintergrund ist plötzlich die Proportionsverschiebung sichtbar, die durch die Migrationsthematik verursacht wurde: Wo die 68er noch das System kapitalistischer Ausbeutung infrage stellten, gilt es nun sogar als erstrebenswertes Privileg, sich legal ausbeuten zu lassen. Als wären wir nicht „Gast“, sondern nur Liftboy „auf Erden“. Langer Applaus.
ALEXANDER ALTMANN
Weitere Aufführungen
am 10. und 19. Juni sowie 5. Juli.