Flüchtiges Glück in Paris

von Redaktion

Sebastian Haffners Roman „Abschied“ erscheint nach fast 100 Jahren

Ein Straßencafé an der Rue Mouffetard: Im lebensprallen Paris der Zwanzigerjahre spielt der Roman. © ullstein/imageBROKER

Dreißig Stunden – so voller Höhen und Tiefen wie ein ganzes Leben. Ein vor fast hundert Jahren geschriebener Roman, bis dato nie veröffentlicht, erblickt das Licht der Welt. Und siehe da: Er ist so frisch und unverbraucht, so herzerfrischend, mitreißend, traurig und komisch, dass ihm nichts Altbackenes anhängt. Von der ersten bis zur letzten Zeile ist der Atem der Jugend zu spüren, ihr Überschwang, ihr Tempo, ihre Verzweiflung, ihr Glück, ihre Lebens- und Menschenneugier.

Die Rede ist von „Abschied“, dem Jugendwerk des studierten Juristen, Journalisten, Historikers, Politik-Autors Sebastian Haffner (1907-1999). Er war 25, als er diesen Roman verfasste, von Mitte Oktober bis Mitte November 1932, geschrieben wie im Flug. Ein Liebesglücksroman eines kurzen Moments. Die Zeit scheint stehen zu bleiben und rast dennoch davon.

Der Berliner Jungjurist Raimund Pretzel war 1931 nach Paris geeilt, um in seinem Urlaub die Sorbonne-Studentin Teddy zu besuchen, in die er sich in Berlin wahnsinnig verliebt hatte. In den wenigen Wochen hatte er Bekanntschaft mit ihrem übermütigen studentischen Freundeskreis gemacht, von dem jeder Einzelne ebenso verliebt in Teddy war wie er selbst. Aber liebte die muntere Zwanzigjährige ihn nicht ebenso? Streit und Versöhnung wechselten sich ab wie Licht und Schatten. Doch nun steht unmittelbar die Rückreise bevor, und der Roman beginnt.

Haffner erzählt auf wunderbar gegenwärtige Weise von der Clique, den leichtlebigen Studenten, in deren Kreis Teddy der umschwärmte Mittelpunkt ist. Er zeichnet ein Bild von Paris der Zwischenkriegszeit, freidenkerisch, lebensprall und fröhlich. Er führt durch die Stadt dieser jungen Leute, zur uralten Rue Mouffetard, den Boulevard Saint Michel rauf und runter und zum China-Restaurant in einer Seitenstraße. In Eile durch den Louvre, kurz vor Schluss noch auf den Eiffelturm, in die übervolle Metro, an die Seine, zu den Menschenmengen in den Straßencafés: „Alles trug Baskenmützen, und man sah die herrlichsten und kühnsten Gesichter darunter, und alles lachte und war guter Laune und kannte und begrüßte sich, und es war wundervoll anzusehen.“ Überschwängliche Erinnerung kurz vor Abfahrt vom Gare du Nord. So jedenfalls schließt Raimund, der angehende Richter aus Berlin, das Glück des letzten Sonntagnachmittags fest in sein Herz. Und man selbst bekommt Lust, sich sofort in dieses Paris zu begeben, obwohl wir Heutigen mit dem Wissen des weiteren Verlaufs der Geschichte diese unbewusst gesetzten Zeichen künftigen Unheils darin erkennen.

Nein, nie mehr werde sie nach Berlin zurückkehren, schwört Teddy ihrem Freund. In einem ironischen Gespräch der Freunde bei einigen Tassen edlen Tees über den nächsten Krieg sagt der eine: „Mir fehlt die Kriegsbegeisterung.“ Und der andere erwidert: „Die Begeisterung macht’s nicht. Aber Sie sind ein guter Deutscher, folglich sind Sie ein guter Soldat.“ Als Raimund kurz vor seiner Abreise immer noch etwas in den Koffer quetscht, kommentiert er nachträglich bekümmert: „Diese Sachen taten mir richtig leid. In meinem Koffer ging es zu wie in einem Konzentrationslager oder in einem Flüchtlingszug.“ Noch ahnt er ja nicht, auf welche kommende Menschheitskatastrophe er mit seinem flapsigen Witz unbewusst anspielt.

Raimund Pretzel, das erzählende Ich des Romans, ist eine autobiografische Figur. Denn es ist der ursprüngliche Name des Autors. Erst mit seiner Emigration 1938 nach England nannte er sich Sebastian Haffner. Unter diesem Namen ist er berühmt – durch seine publizistische Präsenz in den Medien und seine politischen wie historischen Bücher, etwa „Geschichte eines Deutschen“, „Der Verrat“, „Anmerkungen zu Hitler“ oder „Überlegungen eines Wechselwählers“.

Aber auch Teddy, die zentrale Figur des Romans, ist historisch belegt. Sie hieß Gertrude Joseph und kam aus einer österreichischen jüdischen Familie, die in Berlin lebte und der sie nach Paris entfloh. Zuerst mit einem Engländer, dann sehr bald mit einem Schweden verheiratet und auch in Schweden lebend, war der freundschaftliche Kontakt zwischen Gertrude Björklund und Sebastian Haffner nie abgebrochen. Sie starb 1989. Dass wir beider Liebesgeschichte von 1931 jetzt in dem Roman „Abschied“ begegnen, ist ein literarischer Glücksfall. Zu verdanken haben wir ihn Haffners Sohn, Oliver Pretzel, und Enkel David Brandt.
SABINE DULTZ

Sebastian Haffner:

„Abschied“. Mit einem Nachwort von Volker Weidermann. Hanser Verlag, 191 Seiten; 24 Euro.

Der Schauspieler Matthias Brandt liest am 28. Juli ab 19 Uhr im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1, aus „Abschied“ vor; Karten – auch für den Livestream: 0761/88 849999 oder literaturhaus-muenchen.reservix.de.

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