In der Ruhe liegt die Kraft bei Keb’ Mo’ (li.) und Taj Mahal, die gerade „Room on the Porch“ vorgelegt haben. © David McClister
Einen gemeinsamen Grammy und acht Jahre später melden sich Taj Mahal und Keb’ Mo’, die Seelenverwandten des positiven Blues, jetzt als Duo zurück. „Room on the Porch“ (siehe Seite 17) ist der Nachfolger des mehrfach preisgekrönten Albums „TajMo“ von 2017. In der Zwischenzeit verfolgten der 83-jährige Taj Mahal und Keb’ Mo’, eine Junior-Legende von 73 Jahren, mehrere Projekte, die ihnen ebenfalls Auszeichnungen bescherten. Dass ein fünffacher Grammy-Preisträger (Keb’ Mo’) und ein siebenfacher (Taj Mahal) nicht unbedingt Zeit im Übermaß haben, erschließt sich von selbst. Entsprechend bemerkenswert ist es, dass sie sich Zeit für ein gemeinsames Interview nehmen.
„Room on the Porch“ ist in einem knappen Zeitfenster entstanden: In zwei intensiven Wochen schrieben die beiden alle Songs und legten die grobe musikalische Umsetzung fest. Nach ein paar Wochen Pause, in denen sie anderen Verpflichtungen nachgingen, spielten sie das Album innerhalb von vier Wochen in Nashville ein. Einer alten Tradition folgend, rief Keb’ Mo’ befreundete Musiker an: die Sängerin und Aktivistin Ruby Amanfu, die Soul-Sängerin Wendy Moten oder Blues-Hoffnung und Taj-Mahal-Protegé Jontavious Willis. Sie bereichern die Stücke – sei es als Sängerinnen oder als Urheber. Er habe das immer so gehalten, sagt Keb’ Mo’. Als sie „TajMo“ aufgenommen haben, hätte jemand gesagt: „Lee Oscar ist in der Stadt. Es war am Neujahrstag und er kam rüber, um die Mundharmonika für den Song ,Om Sweet Om‘ einzuspielen.“ Auch Eagles-Gitarrist Joe Walsh sei damals in der Nähe gewesen. „Ich rief ihn an und sagte: Wir sind hier mit Taj, wir nehmen ein paar Sachen auf, willst du vorbeikommen und ein bisschen abhängen? Ich habe ihn nicht gebeten zu spielen“, grinst er vielsagend. „Er kam mit seiner Gitarre und einem Verstärker durch die Tür.“
Beide sind fest davon überzeugt, dass sich geteiltes Glück verdoppelt. Daher konnte sich in ihren Schatten so mancher musikalische Nachwuchs entwickeln. Jontavious Willis beispielsweise wurde von Taj Mahal entdeckt und im Rahmen der „TajMo“-Tour einer breiten Öffentlichkeit als „Wunderkind“ vorgestellt (wir berichteten). Nun spielen sie seinen „Rough Time Blues“. Das klassische Countryblues-Stück beschließt das Album, das aus sieben Eigenkompositionen und drei Coverversionen (Songs von Jimmy Cox und Maia Sari Sharp) besteht.
Der Versuch herauszufinden, wie ernst es die beiden mit ihrer positiven Lebenseinstellung meinen, zeigt: Sehr! „Ich habe da eine verrückte Theorie parat“, sagt Taj Mahal. „Nikola Tesla hat gesagt, dass die Energie um uns herum ständig in Bewegung ist. Und was hat man 100 Jahre, nachdem dieser Mann das gesagt hat, herausgefunden? Dass es genau so ist! Die Energie ist immer da.“ Erst wenn der Mensch denke, es gäbe nicht genug, fingen die Probleme an. Im übertragenen Sinn bedeute das: „Bei allem Negativen auf der Welt gibt es so viel Positives, dass es nicht mal möglich ist, eine Delle in die Positivität zu hauen. Wir arbeiten mit positiver Energie, das ist Teil unserer Freundschaft.“ Daraus folge, dass auch die Angst vieler Gleichaltriger, von jungen Künstlern überstrahlt zu werden, bedeutungslos sei. „Wird ihr Licht mehr leuchten? Nein. Nicht auf der positiven Seite der Gleichung“, sagt Taj Mahal bestimmt. „Es gibt so viel Musik da draußen. Du könntest hundert Leben lang leben und nicht die ganze Musik spielen, die auf dem Planeten unterwegs ist.“
So erklärt sich ihr Ansatz beim Musikmachen: Zeit verschwenden sie ungern. „Früher hat Miles Davis ein Album an einem Tag gemacht, manche vielleicht in zwei Tagen“, brummt Keb’ Mo’, als er von den vier Wochen im Studio erzählt, und Taj Mahal entfährt ein „Yeah!“. Er hat ein Negativbeispiel parat: „Ich erinnere mich, dass die Byrds 96 Takes von ,Hey, Mr. Tambourine Man‘ aufgenommen haben sollen.“ Für ihn klinge das nach zu viel Arbeit. „Was willst du damit erreichen? Mach drei Takes, und wenn du es nicht hinbekommst, mach mit dem nächsten Song weiter.“ So bleibt zu hoffen, dass der nächste Streich dieser Blues-Mini-Supergroup nicht erneut acht Jahre auf sich warten lässt. Äußert man die Befürchtung, dringt schallendes Gelächter aus dem Telefon: „Wir sind viel beschäftigte Männer!“
CHRISTOPH ULRICH