INTERVIEW

„Diskussion und Inspiration“

von Redaktion

Alina Gromova leitet künftig das Jüdische Museum

Neue Direktorin des Jüdischen Museums: Alina Gromova.

Im Herzen der Stadt: das Jüdische Museum München am St.-Jakobs-Platz. © Daniel Schvarcz/Inessa Dolinskaya

Diese Personalfrage war mehr als ein Jahr offen: Nun ist klar, dass Alina Gromova zum 1. September neue Direktorin des Jüdischen Museums München wird (wir berichteten). Die 45Jährige kommt vom Centrum Judaicum in Berlin. Sie folgt am St.-Jakobs-Platz auf Bernhard Purin, der im Februar 2024 überraschend verstorben ist. Wir sprachen mit Gromova über ihren Wechsel.

Was reizt Sie an der neuen Aufgabe?

Ich freue mich enorm darauf, das Museum und mein zukünftiges Team kennenzulernen. Ich finde es sehr reizvoll, gerade in einer so internationalen Stadt wie München durch relevante Themen der jüdischen Geschichte, Gegenwart und der Erinnerungskultur Akzente zu setzen, Debatten zu prägen und das Museum als einen Ort der Begegnung, Diskussion und Inspiration zu gestalten. Gerade in der heutigen politisch angespannten Zeit sind jüdische Museen absolut notwendige Institutionen, die aus Perspektiven jüdischer Minderheiten Räume für Debatten öffnen können und sollen.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem und für das Haus?

Als Erstes möchte ich ganz viel zuhören, um zu verstehen, was sich Münchnerinnen und Münchner von ihrem Jüdischen Museum wünschen und welche Themen sie interessieren. Jede Stadt hat ihr eigenes sehr komplexes Innenleben und eine eigene Art, zum Beispiel durch Kunst ihre Anliegen auszudrücken. Als Stadtethnologin höre ich diesen Anliegen zu und suche nach Antworten. Gerade München hat eine sehr lange, vielseitige jüdische Geschichte. Zusammen mit dem Team möchte ich auf diese Geschichte aus verschiedenen Perspektiven schauen – aus Perspektiven, in denen sich die diverse jüdische Stadtgesellschaft wiederfinden kann. Mein zentrales Ziel ist dabei, ein Programm aufzubauen, das unsere Demokratie und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stärkt. Ich möchte das Jüdische Museum zu einem Ort machen, der für möglichst viele Menschen, auch für diejenigen, die bisher nicht den Weg in das Haus gefunden haben, auch für marginalisierte Gruppen, relevant ist.

Wie haben Sie das Museum bisher wahrgenommen?

Ich habe das Jüdische Museum stets als ein Haus wahrgenommen, das sehr gut durchdachte Ausstellungen macht und sich Themen widmet, die ganz unterschiedliche Menschen anziehen. In Erinnerung geblieben ist mir die Ausstellung „Münih ve Istanbul. Orte des Exils“ oder „Von ganz weit weg – Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion“. Auch für meine Recherchen in der Stiftung Neue Synagoge Berlin arbeitete ich mit Ausstellungskatalogen des Museums und fand dort immer wieder überraschende Geschichten – zum Beispiel über den Koffer von Hans Rosenthal, mit dem er als berühmter Showmaster der Nachkriegszeit ganz Deutschland bereiste.

Die Stadt hat sich sehr lange Zeit gelassen, die Museumsleitung nachzubesetzen…

Ich erlebe die Stadtverwaltung als sehr transparent, wertschätzend und kommunikationsfreudig. Man geht dort sehr sensibel mit Themen um, die das Museum und die jüdische Geschichte Münchens betreffen, und machte sich viele Gedanken über die Besetzung der Stelle. Das Kulturreferat und ich waren uns über die zentrale Bedeutung des Hauses für die Stadt sofort einig und ich bin mir sicher, dass wir in Zukunft konstruktiv zusammenarbeiten werden.

München hat eine große jüdische Gemeinschaft. Wie wollen Sie Ihr Haus künftig positionieren?

München hat viele lebendige jüdische Communitys, die in ihrer religiösen Ausrichtung, sozialen und kulturellen Zusammensetzung, historischen und biografischen Erfahrungen sehr divers sind. Allein die jüdischen Menschen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion können spätestens seit dem Krieg in der Ukraine nicht mehr pauschal als postsowjetisch bezeichnet werden, sondern bringen ukrainische, lettische, usbekische und viele andere Erfahrungen mit. Vor einigen Jahren hat sich in München ein Verein kaukasischer Bergjuden gegründet. Es leben hier Jüdinnen und Juden aus Marokko, Israel, Tschechien, Polen, Rumänien oder Ungarn. Ich sehe Themen, die aus diesen Realitäten resultieren, immer auch im Kontext der Stadtgesellschaft – hier sind Kontakte und Konflikte mit anderen Stadtcommunitys zentral. Aber auch Erinnerungen, Gefühle oder Diskriminierungserfahrungen.

Was wünschen Sie sich von der Stadt für das Museum?

Ich wünsche mir finanzielle und moralische Unterstützung und eine offene Tür für den Austausch. Und in Zeiten, in denen Kunst- und Wissenschaftsfreiheit überall auf der Welt bedroht sind, wünsche ich mir Vertrauen und einen hohen Grad an Unabhängigkeit für das Jüdische Museum.

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