Schwule Liebe im München der Achtzigerjahre thematisiert diese Roman-Adaption: Szene mit Elias Krischke (li.) und Edmund Telgenkämper. © Armin Smailovic
Durch den Jugendstil-Vorhang des Schauspielhauses streckt sich dem Publikum ein Arm mit einem Masskrug entgegen. Lacher. Aber der Gag zum Auftakt der Uraufführung von „Sauhund“ am Donnerstagabend an den Münchner Kammerspielen (gut eineinhalb Stunden) fällt genauso schnell wie der Bierschaum in sich zusammen. Die fade Flüssigkeit in einer Art Plastikgefäß raubt einem schnell die Illusion von Trinkgenuss, und auch Elias Krischke würgt das Gesöff nur mühsam hinunter. Einen bairischen Sauhund stellt man sich sehr, sehr anders vor.
Unter dem Druck von HIV und CSU
Florian Fischer (Regie) und Ludwig Abraham (Musik) haben das Konzept entwickelt und zusammen mit dem Dreier-Ensemble und der Dramaturgie einen Extrakt aus Lion Christs Roman „Sauhund“ (2023; wir berichteten) destilliert. Der junge Autor, gebürtiger Tölzer, der heute in Leipzig lebt, blickt darin auf die 1980er-Jahre in München: wild feiern, ein wenig Freiheit fürs eigene Schwulsein, die Suche nach Lust und Liebe – und dann die Bedrohung durch HIV und die CSU-Repressalien. Das alles erlebt sein Flori, ein Bursch vom Land, in der großen Stadt.
Da die Theaterleute diesen Flori ganz auf Elias Krischke zugeschnitten haben, ist er „nur“ ein zarter Schulbub. In knappen Schlaglichtern erzählt man von seinem Weg aus dem Dorf nach erstem sexuellen Kontakt und der Ermutigung durch die alte Frau Eichinger nach München. Er lebt in den Tag, pardon, in die Nacht, hinein, beutet seine Schulfreundin Resl aus, rutscht in die Sexarbeit und in die Obdachlosigkeit ab. Partner wechseln, ein Paar hilft, und am Ende begleitet Flori einen Freund im Aids-Siechtum, bevor der Kerl wieder abhaut.
Durch Krischkes feines, klischeeloses Spiel verschwindet der egoistische Sauhund fast von der Bühne. Wir sehen eher einen schüchternen, verwirrten und dummen Unglückswurm. Er wird vom anderen geschminkt und eingekleidet, weiß nicht, was er selbst will, wie er sein möchte (Kostüm: Jacqueline Koch, Shalva Nikashvili). Am besten drückt das die Glitzermaske aus, die ihm kurz übergezogen wird: eine Mischung aus traurigem Clown und „Schrei“ von Edvard Munch. Die übrigen Rollen übernehmen Annette Paulmann und Edmund Telgenkämper. Von der Mam über Frau Eichinger bis zur Resl, von Gregor über Kenny und Miguel bis Jakob geben beide nie die Feinzeichnung der Figuren auf.
So schnell es gehen muss (man zieht sich auf der Bühne um), so schön und reif formen sie „ihre“ Menschen. Vorteil für Paulmann, dass die weiblichen Personen vielgestaltiger sind. Triebleben allein ist, schauspielerisch gesehen, eher eintönig. Telgenkämper zieht sich jedoch dabei mit sanfter Ironie und präzise dosiertem Geschmack, trotzdem nicht feige aus der Affäre. Die Trias gestaltet einen menschlich überzeugenden Abend, obwohl sie kein Bairisch kann und man für sie auch keine stilisierte Kunstsprache wie etwa bei Ödön von Horvath oder Franz Xaver Kroetz entworfen hat. An ihn und sein „Bauerntheater“ (1995; ähnliche Thematik, gleicher Ort) denkt man mit Wehmut.
Die politische Ebene kommt nicht vor
In dem Text-Filtrat für die Bühne kommt die politische Ebene nicht vor. Die ist gerade heute extrem wichtig, da queere Menschen wieder oft angegriffen werden. Die Inszenierung fängt das Manko der Handlung durch das Bühnenbild auf. Robin Metzer zitiert nicht nur das Gay-Sein im München der Achtziger durch gut gewählte Fotos auf einer gegliederten Bühnenwand, sondern spielt auch ein Video ein (Forum Queeres Archiv München und Stadtmuseum). Es ist eines der wenigen für eine Inszenierung tatsächlich notwendigen. Entscheidend sind neben der Ekstase beim Freddie-Mercury-Konzert und den Bildern von Virus-Opfern die Szenen des Widerstands. Menschen demonstrieren leidenschaftlich gegen die menschenfeindliche CSU-Politik und werden damit für die Gesellschaft besonders wertvoll. Herzlicher Applaus. SIMONE DATTENBERGER
Nächste Vorstellungen
am 11., 28. Juni und 3. Juli;
Telefon 089/ 23 39 66 00.