Sly Stone 1974 mit seiner Frau Kathy Silva (re.) auf der Bühne des New Yorker Madison Square Garden. © Richard Drew / dpa
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der große Soul-Innovator Sly Stone gestorben ist, als in den Straßen von Los Angeles die Autos brannten. „There’s a Riot going on“, heißt sein wichtigstes Album, „da tobt ein Aufruhr“. Es ist eines der großen Manifeste schwarzer Musik und tausendfach gesampelter Soundtrack, von den Rassenunruhen um 1970 bis zu den Protesten gegen Donald Trumps Politik heute. Sly Stone wurde 82 Jahre alt.
Sylvester Stewart, so sein bürgerlicher Name, wurde im März 1943 als zweites von fünf Kindern in Denton, Texas, geboren. Seinen Spitznamen „Sly“ verdankt er einem Freund, der den Vornamen in der Grundschule falsch ausgesprochen hatte. In der Familie tat er sich bald als musikalisches Wunderkind hervor, spielte mit sieben Jahren bereits ordentlich Klavier und beherrschte mit elf Gitarre, Bass und Schlagzeug.
Wenn James Brown als Erfinder des Funk gelten darf, dann war Stone es, der die Musik der Afroamerikaner einem weißen Publikum schmackhaft machte. „Everyday People“, „I want to take you higher“, „Stand!“ und „Dance to the Music“ waren Crossover-Hits, und der legendäre Auftritt der Band Sly and the Family Stone auf dem Woodstock-Fetsival ließ die Hippies endgültig aufhorchen. Psychedelic-Rock, Soul, Gospel und Jazz fanden hier gut gelaunt zusammen. „Fun“ und „Hot Fun in the Summertime“ hießen gleich zwei Hits.
Doch dann war der Spaß vorbei. Der Kokain-Konsum des Mannes mit der mächtigen Afro-Frisur geriet außer Kontrolle, die Aktivisten der Black-Panther-Bewegung machten Druck – sie wollten mehr Militanz in Stones Musik und dass weiße Bandmitglieder durch Schwarze ersetzt würden. Stone lebte mit seiner „Family“ in einer Drogen-WG (wenn er nicht mit einem Geigenkoffer voller illegaler Substanzen durch die Gegend lief).
Die Paranoia ist auf „There’s a Riot going on“ zu hören. Songs wie „Runnin‘ away“ und „Family Affair“ klingen erschöpft und aufgekratzt zugleich. Es ist der Sound geplatzter Illusionen, enttäuschter Hippie-Träume oder, wie der Autor Miles Marshall Lewis schrieb, „der Tod der Sechziger“. Das Album erntete anfangs gemischte Kritiken – galt aber schon bald als einer der Meilensteine in der Geschichte der Popmusik. Sly Stone hat diese Klasse nie mehr erreicht. Die Drogen ließen ihn nicht los, und auch wenn viele nachgeborene Musiker ihm Starthilfe für ein Comeback geben wollten – so wirklich wurde nichts draus.
Sly Stone starb am Pfingstmontag nach langem Kampf gegen eine Lungenerkrankung und an den Folgen weiterer gesundheitlicher Probleme im Umfeld seiner echten Familie.JOHANNES LÖHR