So groß war der Ruhm der britischen Band Pulp, dass ihrem Sänger Jarvis Cocker 2005 eine große Ehre zuteilwurde. Er durfte im Film „Harry Potter und der Feuerkelch“ den Sänger Myron Wagtail verkörpern, der beim Schulball im Schloss Hogwarts den Junior-Zauberern und -Hexen einheizt.
Auch wenn da nicht Pulp auf der Bühne standen: Gefühlt war das der Abschied der Band im Bewusstsein des Publikums – Cockers Solo-LPs fanden Gefallen, aber eher im überschaubaren Kreis der wirklich hingebungsvollen Fans. Es gab eine Wiedervereinigung für ein paar Konzerte, mehr aber auch nicht. Das Quartett aus Sheffield, 1978 gegründet, schien Geschichte und „We love Life“ von 2001 ihr letztes Album-Statement zu sein.
Bis heute. Zu Pfingsten haben Pulp ein Comeback hingelegt – „More“ heißt die LP. Und sie nimmt den Faden so selbstverständlich auf, dass es eine wahre Freude ist. Musikalisch hängt der Himmel wieder voller Geigen, während der Bass und der gerade Beat zur Disco streben und die Gitarren klingeln – im Eröffnungsstück „Spike Island“ bekennt der Sänger: „I exist to do this.“ Wie stets bei Pulp, geht es überwiegend um Sex. Aber natürlich weniger aus der Mick-Jagger-Perspektive als aus der eines Woody Allen, mit dem Cocker das Faible für Hornbrillen teilt. Es ist immer kompliziert bei dem Mann mit der Scott-Walker-Stimme.
Und das, obwohl die Pubertät, deren wortgewaltigster Chronist Cocker stets war, nun auch bei dem 61-Jährigen langsam vorbei ist. „My Sex“ und „Grown ups“ drehen sich immer noch um das Geschlechtliche – diesmal aber vor dem Skandal der Vergänglichkeit. „Du zeigst mir deins und ich zeig dir meins“, singt er atemlos. „Aber schick dich, denn meinem Sex läuft die Zeit davon.“ In der wunderbar schwülstigen Fantasie „Tina“ geht es auch darum, dass man nicht mehr zu viele Gelegenheiten zur Zweisamkeit verstreichen lassen darf.
Nicht nur da bemerkt man, wie sehr man sie vermisst hat. Dabei waren Pulp so etwas wie die lachenden Dritten des Britpop-Sommers 1995 gewesen. Während die englischen Boulevard-Zeitungen plakativ fragten: „Oasis oder Blur?“, antworteten nicht wenige: Pulp! Denn deren Album „Different Class“ war britisch wie ein Teebeutel, der aber mit Glasscherben gefüllt war. Songs wie „Common People“ und „Disco 2000“ thematisierten Klassenunterschiede unter der Bettdecke.
Auch Harry Potter ist ja wieder da – die Dreharbeiten für die HBO-Serie haben begonnen. Wenn das aber ein schlechtes Omen für Pulp sein sollte, dann sollten sie sich für den Hogwarts-Ball auf jeden Fall einen anderen Sänger suchen.JOHANNES LÖHR
Pulp:
„More“ (Rough Trade).