Unspektakulär spektakulär: Günther Ueckers Doppel-Spirale „Both“. © dpa
Das Maß aller Überlegungen: Seine Arbeit mit Nägeln machte Günther Uecker (1930-2025) weltberühmt. © Horst Ossinger/dpa/Picture-Alliance
Ein alter Mann läuft vor die Fernsehkamera und wird vom Reporter sofort befragt, wie ihm als Russen denn die Kunst des Deutschen gefalle. Der Grauhaarige ist fassungslos. Aber nicht wegen der modernen Kunst, sondern weil da einer unglaublich viele Nägel zur Verfügung hat, obwohl er die doch gar nicht nutzbringend einsetzt. Als 1988 eine umfangreiche Ausstellung mit Werken Günther Ueckers in Moskau gezeigt wurde – die West-Öffnung war noch lange nicht Normalität –, staunte dieser Museumsbesucher mit seiner Erfahrung aus dem sowjetischen Wirtschaftssystem über die sagenhafte „Verschwendung“. Der Blick aus der Mangelökonomie traf auf eine Ästhetik, die in unseren Augen mit „armen“ Materialien arbeitet. Gerade dieser Zusammenprall völlig unterschiedlicher Sichtweisen beweist die Sensibilität und Sinnhaltigkeit von Ueckers Kunst. Es geht eben nicht um den Gag, alles Mögliche vollzunageln. Nun ist der Künstler in der Uniklinik Düsseldorf gestorben. Er wurde 95 Jahre alt.
Uecker gehörte einerseits zu einer Generation, die Daseinsnot am eigenen Leib erfahren hat. Seine Kindheit auf Wustrow – er wurde 1930 im mecklenburgischen Wendorf geboren – war die eines Bauernbuben. Zum anderen war er als Künstler bis zuletzt neugierig auf Einfaches und auf andere Kulturen. Dazu gehörten wohl auch die gelegentlichen Ausflüge als Bühnenbildner in die Welt von Schauspiel und Oper – etwa für Hans Werner Henzes „Bassariden“ in Stuttgart 1989 oder Schillers „Wilhelm Tell“ 2004 auf dem Rütli. Außerdem reiste Uecker leidenschaftlich gern. Kurz vor seinem 90. Geburtstag war er noch im Iran unterwegs – mit Ausstellungen.
Die Suche nach dem Einfachen, Nicht-Aufgeblasenen einte die meisten Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg. Der junge Uecker schloss sich 1961 in Düsseldorf, wo er bis zuletzt lebte, mit Heinz Mack und Otto Piene zur Gruppe Zero zusammen. Der Null-Punkt war das Maß aller Dinge, und bei den dreien hieß das vor allem: Licht und weiße Farbe. Aus fast nichts sollte Kunst entstehen.
Später war für Uecker der Nagel das Maß aller Überlegungen. Und so wucherten Nägel wie feine Haarwirbel über Wandplatten; das Gemäldeformat verwandelte sich dadurch in eine Skulptur. Die Nagelteppiche bedeckten darüber hinaus ganz oder teilweise Klaviere, Baumstümpfe oder Nachtkästchen. Damit wurde er berühmt. In jedem namhaften Museum muss es Uecker-Werke geben. Und natürlich bewegen sich die Preise dafür auf dem Kunstmarkt mittlerweile bis in die Millionen-Euro-Regionen. Ähnlich wie viele seiner (Alters-)Kollegen von Joseph Beuys bis Michelangelo Pistoletto, die sich für „billige“ Werkstoffe entschieden hatten, nutzte Uecker unspektakuläre Gegenstände wie Sand, Äste, Gräser, Asche, Rupfen und Steine. Aus der Zwiesprache mit ihnen entstanden nicht nur Objekte, sondern auch Raum-Installationen. Und wie jenen Künstlern war ihm das Zeichenhafte, ja das Mythische in den Ur-Dingen wichtig. Überhöht wurden sie bei Uecker oft durch die Schrift, das Zeichen für Kultur schlechthin. Schrift spricht, kann allerdings auch lügen.
Das tut wahre Kunst nie, wie Uecker wusste – schon gar nicht, wenn sie sich wie bei ihm vor dem Hand-Werk verneigt, dem Menschen und der Natur. Deswegen waren in seinem Schaffen das Nachdenken über und das künstlerische Reagieren auf Krieg, Gewalt und Umweltzerstörung stets eins.SIMONE DATTENBERGER