Vertrackt, aber mitreißend

von Redaktion

Bei The Bad Plus ist es so ähnlich wie bei den Stones. Die sind im Kern das kongeniale Gespann Jagger/Richards, das übrige Personal ist austauschbar. The Bad Plus sind Bassist Reid Anderson und Drummer Dave King. Gut 20 Jahre lang als Trio mit wechselnden Pianisten unterwegs, hat sich die Band vor vier Jahren als Quartett mit Saxofonist Chris Speed und Gitarrist Ben Monder komplett neu aufgestellt. Das erste München-Gastspiel in neuer Besetzung war seit Langem ausverkauft, die Unterfahrt platzte aus allen Nähten.

Hatte sich das Trio mit genialisch zwischen Hommage und Parodie changierenden radikalen Neuinterpretationen von Pop-Repertoire (von Abba bis Nirvana) Kultstatus erspielt, erklingen nun ausschließlich Eigenkompositionen von Anderson und King, Speed und Monder steuern je ein Stück bei. The Bad Plus klingen nun gleichermaßen verspielter und ernsthafter als früher. Die Kompositionen sind raffiniert, wechseln die Metren, spielen mit Stolpersteinen und Breaks, aber die Komplexität steht – ähnlich wie Kings hochdynamisches Schlagzeugspiel – einem guten Groove selten im Weg. Speeds unabhängig vom Intensitätsgrad stets coole, beinahe stoische Souveränität am Tenorsax kontrastiert äußerst reizvoll mit Monders eigenwilliger Gitarre. Der kann filigrane, ambientartige Klangteppiche knüpfen, aber bei Bedarf auch den Rock-Schredder anwerfen. „Complex Emotions“ heißt das aktuelle Album, was The Bad Plus live voll einlösen: Die Intellektualität geht nicht auf Kosten der Emotionalität, die Musik ist vertrackt, aber zugänglich und mitreißend, der Spannungsbogen reicht vom fast kammermusikalischen Auftakt (mit Speed an der Klarinette) bis zu Monders abschließender lärmiger Feedback-Orgie.REINHOLD UNGER

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