Engagiert: Debbie Harry heute auf der Bühne. © dpa
Die Band Blondie: Debbie Harry, flankiert von (v. li.) Nigel Harrison, Clem Burke, Chris Stein und Jimmy Destri. © Shore Fire Media
Debbie Harry ist brünett auf die Welt gekommen. Das sei am Anfang erwähnt, denn nichts hat die Karriere der Sängerin und Schauspielerin so definiert wie ihre spätere Haarfarbe Platinblond. Mit dem Klischee des sexy Vamp spielte sie und machte es als Frontfrau der Band Blondie zur Marke – darauf beschränken ließ sie sich freilich nie, dafür waren ihre Stimme und ihre Persönlichkeit zu stark. So wurde Harry zum Vorbild für alle weiblichen Popstars von Madonna bis Taylor Swift. Heute wird sie 80 Jahre alt.
Sich selbst neu zu erfinden wurde Deborah Harry gewissermaßen in die Wiege gelegt. Denn ihr ursprünglicher Name ist Angela Trimble. Mit drei Monaten gab ihre Mutter sie zur Adoption frei, Debbie wuchs im kleinbürgerlichen New Jersey auf – wobei ihr eindringlicher Blick und ihre hohen Wangenknochen schon bald für lokale Furore sorgten. Doch Tambourmajorin der Highschool-Marschkapelle zu sein, war ihr nicht genug. Künstlerin habe sie von vorneherein werden wollen, schreibt sie in ihrer Autobiografie – und New York zog sie magisch an. „Ich lief einfach durch die Gegend, suchte nach nichts Bestimmtem und doch allem.“
Sie machte erste Gehversuche in einer Folkrockband, war Sekretärin bei der BBC, kellnerte im angesagten „Max‘s Kansas City“, wo Miles Davis und Andy Warhol sich die Klinke in die Hand gaben, jobbte als Playboy-Bunny. Künstlerisch war der Big Apple seiner Zeit voraus: The Velvet Underground spielten experimentelle Rockmusik, die New York Dolls nahmen Punk vorweg. In diesem Biotop fühlte Harry sich wohl – und als sie 1974 Chris Stein kennenlernte, hatte sie nicht nur ihre Liebe gefunden, sondern auch einen Mitstreiter.
Gemeinsam gründeten sie Blondie und wurden bald zu Lieblingen der Szene, tourten mit David Bowie und Iggy Pop. Sie mussten freilich erkennen, dass die orthodoxen Punks mit ihrer offensiv poppigen Art fremdelten – an das viele Rumgerotze habe sie sich eh nie gewöhnen können, meinte Harry später lapidar.
Die Band erlegte sich keine Schranken auf: Songs wie „Sex-Offender“, „Heart of Glass“ und „The Tide is high“ haben stilistisch so wenig gemein, dass alles, was sie verbindet, die Stimme der coolen blonden Sängerin ist. Die Plattenfirma bemühte sich zu betonen: „Blondie is a Band“ – aber die ultra-szenige Frontfrau dominierte die Gazetten. „Es war unfair gegenüber den Jungs, aber ich wusste, dass Sex Teil des Mechanismus war, um Blondie zu vermarkten“, sagte sie in einem Interview. „Und es hat funktioniert.“ Die Hits reihten sich aneinander – „Atomic“, „Call me“. Das Einzige, was Harry damals nicht mitnahm, war die weibliche Hauptrolle im Film „Blade Runner“, die Regisseur Ridley Scott ihr anbot.
Und plötzlich war alles vorbei: Bei Chris Stein wurde eine seltene Autoimmunerkrankung der Haut festgestellt, Harry pflegte ihren Lebensgefährten, kämpfte gegen ihre Heroinsucht und ließ die Karriere Karriere sein. Während Madonna in ihre Fußstapfen und das helle Scheinwerferlicht trat, blieb sie mit gelegentlichen Solo-Alben und Filmrollen wie in John Waters „Hairspray“ leidlich präsent. Als Blondie 1999 mit der Single „Maria“ ein Comeback hinlegten, war das eines der unglaublichsten Comebacks der Pop-Geschichte.
Seitdem sind einige Blondie-Alben erschienen – auch für heuer ist eines geplant (der Grammy-gekrönte Produzent John Congleton soll es produzieren). Doch Debbie Harrys Ruhm ist längst abgekoppelt von der Band. Sie setzt sich für soziale Belange ein, ist eine fast schon alterslose Stilikone. „Ich habe mir immer eine Karriere vorgestellt, die nicht schon nach fünf Jahren beendet ist“, sagte sie mal. Die hat sie erreicht. Sie macht als Grande Dame genauso eine gute Figur wie als Vamp, der die Welt erobern will.JOHANNES LÖHR