Alles ausgelöscht

von Redaktion

Das Museum Fünf Kontinente erinnert an 80 Jahre Hiroshima und Nagasaki

Eindringlich: „Die Längste Nacht in Hiroshima (Höllenfeuer und Überreste des Atompilzes)“ von Manaka Kawamoto nach Iwao Nakanishi (2017). Das Werk ist in der Ausstellung zu sehen. © Hiroshima Peace Memorial Museum

Am 6. August 1945 explodierte die Atombombe im japanischen Hiroshima. © Hiroshima Peace Memorial Museum

Wirklich verstehen kann man es nicht, was da passiert ist mit dem Mann und seiner Leiter: von beiden blieben nur noch schwarze, scherenschnittartige Brandmale wie Schatten auf der Wand übrig, vor der sie standen, als die Atombombe in Hiroshima explodierte. Die Temperatur von 7000 Grad, die dabei entstand, ist höher als die Oberflächentemperatur der Sonne und bewirkte, dass Mensch und Leiter im Nu vollständig karbonisiert wurden.

Wer diese Schau sieht, weiß, was Krieg und Waffen anrichten

Dabei ist dieses verstörende Foto noch eines der „harmloseren“ von den Schreckensbildern in der neuen Ausstellung des Museums Fünf Kontinente. Eine Zeichnung etwa, die ein Überlebender anfertigte, zeigt rötliche menschliche Gestalten, die mit weit vorgereckten Armen herumlaufen, weil ihnen die Haut in Fetzen vom Leib hängt und sie jede schmerzhafte Berührung ihres rohen Fleisches mit sich selbst vermeiden wollen. Auf die Beschreibung weiterer Bilder dieser Art sei hier lieber verzichtet.

„Vom Inferno zum Friedenssymbol – 80 Jahre Hiroshima und Nagasaki“ heißt die Schau, die das Museum in Kooperation mit dem Japan-Zentrum der LMU München veranstaltet und die durch ein reichhaltiges Vortragsprogramm (mit freiem Eintritt) ergänzt wird. Die Ausstellung selbst ist mit ihren Bild- und Texttafeln bewusst sachlich gehalten und verzichtet auf museumspädagogischen Firlefanz, denn alles andere als eine geschichtswissenschaftlich angelegte Dokumentation wäre bei diesem Thema fast pietätlos.

Eindringlich genug sind die Exponate ohnehin, auch diejenigen, die nicht direkt vom Krieg zeugen. Etwa eine Tafel, die private Fotos einer Durchschnittsfamilie namens Suzuki zeigt: Man sieht die Kinder mit ihrem Hündchen, auf dem ersten Fahrrad oder ein Beisammensein im größeren Kreis – Bilder, wie sie jede Familie besitzt, nur mit dem Unterschied, dass die Menschen darauf allesamt beim Abwurf der Bombe ausgelöscht wurden.

Das Erschreckendste ist aber vielleicht, dass all diese Dokumente, die man vor Kurzem noch für rein „historisch“ gehalten hätte, den heutigen Betrachter unerwartet ganz direkt etwas angehen könnten: Auf einmal will man uns nämlich „Kriegstüchtigkeit“ wieder als wünschenswert verkaufen; auf einmal soll die Hälfte des Bundeshaushalts für Rüstung ausgegeben werden, und wer dagegen ist, wird als „Lumpenpazifist“ beleidigt. Wie sagte doch Friedrich Merz kurz bevor er Kanzler wurde: „Frieden gibt es auf jedem Friedhof.“ Dass so ein Satz nicht nur leichtfertig ist, sondern richtiggehend diabolisch, das weiß man spätestens nach einem Besuch in dieser Ausstellung.ALEXANDER ALTMANN

Bis 11. Januar 2026

Dienstag bis Sonntag,
9.30 bis 17.30 Uhr;
das umfangreiche
Begleitprogramm und Infos
im Internet unter
museum-fuenf-kontinente.de.

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