Verzweifelt hoffend: Xenia Puskarz Thomas als Mutter eines verstorbenen Kindes. © Xiomara Bender
Mut hat er, das kann man Jonas Kaufmann nicht absprechen. Und alle, die bei seiner Berufung zum Intendanten der Tiroler Festspiele eine eher konservative Programmplanung erwartet hatten, dürfen nun zumindest teilweise Abbitte bei ihm leisten. Denn die österreichische Erstaufführung von „Picture a Day like this“ ließ sich durchaus als Wagnis bezeichnen.
Die jüngste Schöpfung von George Benjamin erlebte ihre Weltpremiere 2023 in Aix-en-Provence und war seitdem unter anderem noch in London, Straßburg, Köln oder Neapel zu sehen. Eine allegorische Fabel, die in rund 60 Minuten vorbeirauscht. Aber diese Stunde hat es in sich. In sieben intensiv durchlebten Stationen erzählen Benjamin und sein Librettist Martin Crimp die Geschichte einer trauernden Mutter. Hier verkörpert von Xenia Puskarz Thomas, die mit dunkel schillerndem Mezzo die Verzweiflung über den Verlust ihres Kindes ebenso greifbar werden lässt, wie die kurz in ihr aufkeimende Hoffnung. Wenn ihr in Aussicht gestellt wird, dass sie ihr verstorbenes Kind zurück ins Leben holen könne. Jedoch nur unter der Voraussetzung, dass sie innerhalb eines Tages einen glücklichen Menschen findet, der ihr einen Knopf seiner Kleidung überlässt.
Eine Aufgabe, die sich jedoch schwieriger gestaltet als erwartet. Ein verliebtes Paar gerät nach dem Austausch von Intimitäten immer mehr in Streit. Ein selbstbewusster Kunsthandwerker verzettelt sich zunehmend in leeren Phrasen. Und sogar eine gefeierte Komponistin findet in ihrer eigenen Kunst keine innere Harmonie.
Für die einzelnen Stationen hat das Regie-Duo Daniel Jeanneteau und MarieChristine Soma eine Art Labor-Raum mit matten Metallwänden entworfen, der sich erst kurz vor Schluss zu einer poetischen Traumlandschaft wandelt, in der die Mutter der mysteriösen Zabelle begegnet, der Mari Eriksmoen ihren gläsernen Koloratursopran leiht.
Wie schon in Aix-enProvence, wirkt die Inszenierung nun auch bei ihrer umjubelten Erler Neueinstudierung stets ganz aus der Musik heraus entwickelt. Denn dafür, dass Bühne und Graben stets an einem Strang ziehen, sorgt hier allein schon Dirigentin Corinna Niemeyer. Sie war bei der Uraufführung noch die Assistentin des Komponisten, durfte jedoch schon bei der Übernahme nach London selbst ans Pult treten. Weshalb es wohl kaum eine bessere Fürsprecherin für Benjamins Partitur geben dürfte.
Es ist eine Musik, die meist aus der Stille heraus zu entstehen scheint und mit feinen, oft nahezu unmerklichen Klangschattierungen arbeitet. Was Niemeyer unterstreicht, indem sie die Partitur kammermusikalisch auffächert und immer wieder einzelne Orchestermitglieder in den Fokus rückt. In sicheren Händen darf sich bei ihr auch das handverlesene Solistenensemble fühlen.
Neben den bereits erwähnten Damen gebührt hier auch Beate Mordal und Countertenor Paul Figuier großes Lob, die man zunächst als Liebespaar kennenlernt, ehe sie sich als blasierte Komponistin und pingeliger Assistent von einer anderen Seite zeigen dürfen. Ähnlich wie George Clark, der seine verzwickt komponierte Doppelrolle als Kunsthandwerker und Sammler nicht minder souverän meistert.
Ein kurzer, aber unglaublich bewegender Opernabend, dem man in Erl gerne noch mehr Publikum gewünscht hätte.TOBIAS HELL