Ein stimmgewaltiger britischer Gentleman. © imago
Harter Mann: Rob Halford mit Harley Davidson und Peitsche auf der Bühne. © Daniel DeSlover / dpa
Ein reizender 73-Jähriger mit Nikolaus-Bart erscheint auf dem Bildschirm – erst auf den zweiten Blick erkennt man die tätowierte Glatze und den Nasenring. Rob Halford, der am 13. Juli mit den Heavy-MetalLegenden Judas Priest in der Olympiahalle auftritt, ist ein britischer Gentleman, der sich für das Fern-Interview doppelt so lange Zeit nimmt wie geplant. Er erinnert sich an die frühen Tage, Komplimente von Placido Domingo – und wie er mit seinem Coming-out die Musikwelt erschütterte.
Mr. Halford, kurz bevor Sie im Bild erschienen, war da Ihr Benutzername zu sehen: „Metal God“. Nennen Sie sich wirklich selbst so?
(lacht) Das ist eher augenzwinkernd gemeint. Als ich heute Morgen aufgestanden bin, habe ich mich nicht wirklich wie ein Gott gefühlt.
Nun ja, Elvis war der King of Rock‘n‘Roll, Madonna die Queen of Pop, und Metal God ist Ihr Attribut. Ist doch schmeichelhaft.
Gott sei Dank komme ich aus einem Landstrich – dem Black Country bei Birmingham –, wo sich die Einheimischen selber „Yam Yams“ nennen. Das letzte, was wir machen, ist uns auf einen Sockel stellen. Nur weil du Sänger in einer Band bist, macht dich das nicht besser als den Typen, der die Straße runter in der Werkstatt arbeitet.
Judas Priest waren immer eine ausgesprochen britische Band. Was ist so britisch an Ihnen?
Schon die Musik. Das Vereinigte Königreich war in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern musikalisch unheimlich aufregend. Viele laute Rockbands. Wir haben diese Einflüsse aufgesogen und zusammen mit Black Sabbath den Heavy Metal geprägt, wie man ihn heute kennt. Die Alternative wäre gewesen, in der Schwerindustrie zu arbeiten – mein Vater malochte im Stahlwerk
Wie schauen Sie heute auf Ihre Anfangsjahre zurück?
Mit großer Zuneigung. Ich bin stolz und dankbar. Damals war es Scheiße. (lacht) Können Sie sich vorstellen, wie schwierig es war, Gitarrensaiten aufzutreiben? Oder ein Mikro? Ich konnte mir anfangs keines leisten, das länger als zwei, drei Songs ausgehalten hat. Dann habe ich es kaputt gebrüllt.
Placido Domingo hat einmal seine Bewunderung für Ihre Stimme ausgedrückt. Stimmt das?
Leider habe ich ihn nie persönlich getroffen, aber die Quelle ist sehr zuverlässig, das reicht mir. Denn es bestätigt meine eigene Erfahrung. Viele professionelle Sänger werden Ihnen erzählen, dass sie alle möglichen Arten von anderen Stimmen mögen – ich selbst liebe Marvin Gaye, Frank Sinatra, Pavarotti. Es ist natürlich ziemlich cool, wenn einem das ein klassisch ausgebildeter Opern-Star sagt.
Sie haben selbst nicht mehr die jüngste Stimme. Wie halten Sie sie in Form bei all der Schreierei?
Seit ich clean und nüchtern bin, verstehe ich, dass es da körperliche Notwendigkeiten gibt. Wenn ich auf meinem früheren Pfad geblieben wäre, würde a, meine Stimme grottig klingen und b, wäre ich tot.
Was wäre gewesen, wenn Soziale Medien Mitte der Achtzigerjahre schon erfunden gewesen wären – zur Hochzeit Ihres Alkohol- und Drogenkonsums?
Bin ich froh, dass es da noch keine Smartphones gab! Wir mussten uns nicht mit dieser exzessiven Informationsflut auseinandersetzen. Es ging damals darum, geheimnisvoll zu sein. Led Zeppelin gaben nie Interviews, das hat neugierig gemacht. Heute wollen die Leute auf Instagram wissen, was du zum Frühstück hattest. Die Magie des Rock’n’Roll ist ein bisschen verloren gegangen.
Sie selbst haben viele Hardrock-Klischees ausgehebelt, als Sie 1998 bekannten, dass Sie schwul sind.
Ich hätte nie gedacht, dass das solche Wellen schlägt. Das sind doch nur Etiketten! LGBTQIA-Leute sind auch nur Menschen, die andere Menschen lieben. Ich hätte, wie Freddie Mercury, auf dem Standpunkt beharren können: Das ist meine Privatsache, die geht euch nichts an. Aber ich war wütend wegen der Art, wie man uns behandelte. Ich hatte mein ganzes Erwachsenenleben damit verbracht, mich zu verstecken. Das ist Gift für Herz und Seele. Also sagte ich: Ich bin ein schwuler Sänger einer Heavy-Metal-Band: Kommt damit klar!
Das Lustige ist, dass viele Leute es nach Ihrem Coming-out schon immer gewusst haben wollten – all das Leder und die Nieten, der muss schwul sein. Dabei hatte das gar nichts damit zu tun, oder?
Nein, wirklich nicht! Metal hatte damals einfach noch keinen Look. Wir kamen gerade aus der Hippie-Ära. Schauen Sie unsere ersten TV-Auftritte an – da trage ich die Bluse meiner Schwester! Wir dachten einfach, bei der Musik müssen wir hart ausschauen. Heavy Metal ist extrem. Laut. Größer als das Leben. Also ergab es Sinn, das mit der visuellen Präsentation zu verbinden. Die Ironie war, dass die queere Leder-Community schon immer so ausgesehen hatte, aber das wussten wir nicht. Es wäre doch auch beleidigend für den Rest der Band gewesen. „Rob will das so, also lasst uns uns alle anziehen wie Leder-Tunten.“ (lacht) Nein, Gott sei Dank haben wir diese Entscheidung gemeinsam getroffen. Denn sobald wir das getan hatten, zogen sich alle anderen auch Ketten, Nieten und Lederarmbänder an.
Heavy Metal war anfangs vor allem für Heranwachsende attraktiv. Heute werden alle alt: die Musik, Sie, die Fans – wie kann der Mummenschanz da noch funktionieren?
Die Angst, das Unbehagen, durch das Heranwachsende durchmüssen, sind immer noch die Gleichen. Wenn ich heute von der Bühne blicke, dann sehe ich da auch Teenager, die Judas Priest zu ihrer Band erkoren haben. Wie cool ist das denn bitte? Diese Musik ist universell. Ein bisschen traurig ist es schon, weil ich weiß, dass ich für den 15-Jährigen nicht noch weitere 15 Jahre werde singen können. Aber vielleicht geht er ja nach dem Konzert nach Hause, spart sein Geld und kauft sich eine Gitarre oder ein Schlagzeug. Ein neuer Metal God. Was für ein glorreicher Gedanke!
Judas Priest live
Karten für das Konzert am Sonntag unter muenchenticket.de.