Zarte Wunder

von Redaktion

Graphische Sammlung wird zum Garten Eden

Japanische Krötenlilie – von Yoshihiro Suda gefertigt aus Holz. © Yoshihiro Suda/LOOCK

Sommerliche Gefühle weckt Thomas Schüttes „Kirschensäule“ (1986). © Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Eine Hommage an die Bescheidenheit ist das Werk des japanischen Bildhauers und Installationskünstlers Yoshihiro Suda (Jahrgang 1969). Zierlich, bisweilen winzig sind seine Skulpturen, und zierlich, bisweilen winzig sind seine „Porträtierten“. Es sind Teile von Pflänzchen, die viele Unkraut nennen. Wer aber um die Fülle der Natur weiß, um ihre weise Vielfalt im Kleinen, die Leben, ja Überleben sichert, spricht von Beikräutern. Unscheinbar blühen sie auf dem Trockenen, kämpfen sich durch Asphaltritzen ans Licht, stehen unbeachtet von den Menschen, nicht jedoch von den Insekten auf Magerwiesen.

Auch Sudas Arbeiten könnten jetzt in der Ausstellung „Yoshihiro Suda – Garten Eden“ übersehen werden. Also Obacht und aufpassen wie ein Haftelmacher, wo die Holzplastiken wachsen oder als welkes Blatt beziehungsweise dürres Zweiglein hingeweht wurden. Hat man sie entdeckt, schließt man sie sofort ins Herz. Sie wirken so schutzbedürftig und verkörpern damit die Bedrohung der Arten. Gibt es im Garten Eden, im Paradies nur noch Botanik in Form von anmutiger, farbig gefasster Holzschnitzerei, die die Realität nachahmt? Der Künstler erinnert uns daran, was wir verlieren werden.

Die Staatliche Graphische Sammlung hat sich trotz der Einladung an Yoshihiro Suda nicht aufs Feld der Bildhauer verirrt. Man hat ihn, der sich mit Eingriffen in ein unnatürliches Umfeld auskennt (in Tokio „bepflanzte“ er einen Parkplatz in der teuersten Gegend mit „Kräutern“), gebeten, in der Pinakothek der Moderne auf japanische Zeichner für Farbholzschnitte und europäische Zeichner zu reagieren. Michael Hering, Chef der Graphischen Sammlung, steht damit zu unserem abendländischen Blick auf die Kunst und Denkweise Japans: mit Bewunderung, Respekt und dem Wissen, dass wir fast nichts wissen.

Genauso war wohl die Haltung von Eckart Bergmann (1942-2024), der 2019 sein Konvolut von 250 bestens erhaltenen Farbholzschnitten der Sammlung als Schenkung angeboten hatte. Seine Vorlieben liegen bei Landschaften und Schauspielrollen (derzeit nicht gezeigt) sowie vor allem bei Utagawa Hiroshige (1797-1858). Nina Schleif, die sich nun unter anderem um die japanischen Blätter kümmert, erzählt, dass Bergmann nach dem Lustprinzip gesammelt und keinerlei Bedingungen ans Museum gestellt habe. Entscheidend für ihn war, dass die Werke in ein Haus für die Kunst kämen.

Deswegen kann die Sammlung mit ihrem „Garten Eden“-Projekt die gerade geendete, erfolgreiche Ausstellung „Farben Japans“ der Bayerischen Staatsbibliothek auf ihre Weise fortführen. Schleif und Hering haben den Ukiyo-e genannten Drucken („Bilder der fließenden Welt“) im Vitrinengang Blätter der Expressionisten von Franz Marc bis Emil Nolde und im nächsten Raum solche von Piet Mondrian bis Walter de Maria beigesellt. Überall hat Suda seine stillen Pflanzen-Kommentare – von der japanischen Krötenlilie bis zum Erdbeerfingerkraut – liebe- und respektvoll gesetzt. Doch er wagt auch Pathos. Auf dem Gold faltbarer „Kräuter-Bücher“ (historische Kinder-Paravents) verewigt er Blättchen-Grün. In der letzten auratisch ausgeleuchteten Abteilung entspinnt sich dann ein Gespräch zwischen dem zurückhaltenden Yoshihiro Suda und dem effektbewussten Hiroshige sowie den eher tastenden Vincent van Gogh und Paul Cézanne.SIMONE DATTENBERGER

Bis 21. September

Di.-So. 10-18 Uhr, Do. bis 20 Uhr.

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