Zurück zur Vielfalt

von Redaktion

Ein Manifest gegen das Artensterben

Es geht wieder ein Gespenst um. Doch anders als beim Kommunistischen Manifest von Karl Marx, das mit diesen berühmten Worten begann und auf die gravierenden sozialen Missstände der Industrialisierung im 19. Jahrhundert reagierte, geht es bei dem nun von drei renommierten Wissenschaftlern präsentierten „Manifest für eine biodiverse Gesellschaft“ um die dramatischen Folgen des Artensterbens. In ihrer Kampfschrift mit dem Titel „Rettet die Vielfalt“ fordern die beiden in München lehrenden Professoren Helmuth Trischler und Jens Kersten sowie die Biologin Katrin Böhning-Gaese ein grundsätzliches Umsteuern im Verhältnis zur Natur.

Der Historiker Trischler, der bis 2024 den Forschungsbereich des Deutschen Museums leitete, beleuchtet dabei unter anderem die Wirtschaft: 50 Prozent der zuletzt zugelassenen Medikamente haben wir der Natur zu verdanken, drei Viertel aller Nahrungspflanzen den natürlichen Bestäubern. Doch noch immer belohne der Staat mit seinen Subventionen vor allem umweltschädliche, die Natur ausbeutende Ökonomie, statt diese immense Bedeutung der Artenvielfalt für die Wirtschaft anzuerkennen.

Der Jurist Kersten fordert, der Natur einklagbare Rechte zu geben – also etwa Klagen von Verbänden für die Isar zu ermöglichen, wenn die Wasserqualität bedroht ist. Ecuador habe es vorgemacht: Alle Personen, Gemeinschaften, Völker und Nationen können sich dort an die öffentlichen Autoritäten wenden, um die Rechte der Natur durchzusetzen.

Die Autoren verwenden den sperrigen Begriff „Biodiversität“, weil es eben nicht nur um das Aussterben süßer Pandas oder Koalas geht. Bedroht sind auch die genetische Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der Ökosysteme. Es gehe also um die „biologische Vielfalt in allen ihren Facetten“, so die Autoren.

Trotz aller düsteren Fakten, etwa, dass die Bestände an Säugetieren, Vögeln, Amphibien und Reptilien in den vergangenen 50 Jahren um mehr als 70 Prozent zurückgegangen sind, bleiben die Autoren hoffnungsvoll: zum einen, weil in der Gesellschaft bereits positive Veränderungen, etwa der Trend zu vegetarischer Ernährung, in Gang seien. Zum anderen, weil auch auf politischer Ebene einschneidende Prozesse angestoßen wurden, etwa der Green Deal der EU. Große Sorgen aber macht den Experten, dass die Themen Klimaschutz und Artensterben angesichts der Kriege und Krisen in der politischen Debatte derzeit kaum noch eine Rolle spielen.

Ein wichtiges, prägnant geschriebenes Buch. Aber gerade angesichts der allgemeinen Müdigkeit gegenüber Umweltthemen wird es wohl ein frommer Wunsch bleiben, dass dieses Manifest ähnlich umwälzende Folgen haben wird wie Marx’ berühmtes Vorbild aus dem Jahr 1848.KLAUS RIMPEL

Katrin Böhning-Gaese, Jens Kersten, Helmuth Trischler:

„Rettet die Vielfalt“, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, 198 S.; 20 Euro.

Artikel 5 von 10