Ihr Blues kennt keine Grenzen

von Redaktion

Kenny Wayne Shepherd kommt mit Bobby Rush (91) nach München

Alter Meister und junger Meister: Bobby Rush und Kenny Wayne Shepherd machen gemeinsame Sache – zeitlosen Blues. © RAM-Records / Deep-Rush-Records

Einen mehr als passenden Titel hat Kenny Wayne Shepherd gewählt: „Young Fashioned Ways“. Das doppelte Wortspiel aus „oldfashioned“ (altmodisch) und „young“ (jung) in Verbindung mit „fashioned“ (modisch, aber eben auch traditionell) trifft den Nagel auf den Kopf: Der 1977 geborene Bluesrock-Gitarrist aus Louisiana hat mit dem 91-jährigen Bluespionier Bobby Rush ein Album aufgenommen, das zeigt, wie zeitlos traditioneller Blues klingen kann. Rush begleitet Shepherds Europatour bei einzelnen Terminen, um das gemeinsame Album live vorzustellen: München kommt als einzige deutsche Stadt in den Genuss eines solchen Gastspiels. Ein guter Grund für einen Anruf bei dem jungen Blues-Star, der in Nashville lebt.

„Es ist unglaublich! Der Mann ist eine Maschine!“, schwärmt Shepherd. Die Frage, wie es ist, mit einem über 90-Jährigen auf Tour zu sein, drängt sich auf. „Du machst dir keine Vorstellungen, auf welchem Niveau Bobby Rush auftritt.“ Er hoffe, dass er nicht nur so alt werde wie Rush, sondern in dem Alter auch noch in der Lage sei, das zu tun, was er tut. „Er inspiriert mich jeden Tag.“ Shepherd selbst werde auf der Bühne zum begeisterten Zuschauer: „Ich lehne mich zurück und genieße jeden Moment.“ Er könne noch nicht genau sagen, was die Münchner Fans erwartet. „Ich denke, wir werden das während der Tour herausfinden.“ Ihm schwebe vor, Rush an irgendeinem Punkt seiner Electric-Blues-Show auf die Bühne zu holen, um Songs von ihrem Album zu spielen.

Wer im Internet auf die Suche nach Hinweisen geht, wie das klingen könnte, wird auf Videos von jenem Auftritt stoßen, an dem das ganze Projekt seinen Anfang nahm: das von Shepherd veranstaltete und kuratierte „Backroads Blues Festival“, wo Rush als Special Guest auftrat. „Ich kenne Bobby schon lange, hatte aber noch nie mit ihm gespielt“, so Shepherd. „In dem Moment, als er auf die Bühne gekommen ist, gab es eine Chemie, die du nicht erzwingen kannst.“ In der Tat lässt sie sich nachspüren, sogar auf den Videomitschnitten, in denen man einen sehr altersuntypisch agilen Rush sieht, der mit seiner Mundharmonika – man muss es so sagen – die gesamte Kenny-Wayne-Shepherd-Band an die Wand spielt.

Shepherd war so begeistert, dass er Rush nach dem Auftritt ein gemeinsames Album vorschlug. „Ich hab’ mir das exakt Gleiche gedacht“, lautete die Antwort, und so sei man sechs Wochen später im Studio gewesen. Dort hätten die beiden über 100 Songs aufnehmen können. „Bobby hatte einen Papierstapel dabei, der gut fünf Zentimeter dick war – alles fertige Texte.“ Shepherd habe ihm Ideen auf der Gitarre vorgespielt, Rush sich derweil durch seinen Papierstapel gewühlt und etwas zutage gefördert, das perfekt zur Musik passte. „So haben wir das Album gemacht – in einer Woche.“ Mehr Zeit habe man nicht gehabt. „Das ist aber okay“, kommentiert Shepherd vielsagend, „weil es uns so sehr viel Material bleibt, um es in der Zukunft aufzunehmen.“

Shepherd, der bisher fünf Mal für den Grammy nominiert wurde, und Rush, der den ersten von dreien mit 83 entgegennahm, könnten sich mit dem Ergebnis durchaus für eins der goldenen Grammophone qualifizieren. Konkurrenz bekommen sie in diesem Jahr allerdings von einer anderen Jungstar-Altmeister-Kombination: Keb’ Mo’ und Taj Mahal. „Ich liebe die beiden, sie sind jeder für sich so talentiert – und gemeinsam machen sie großartige Musik“, sagt Shepherd. Musiker stünden naturgemäß immer im Wettbewerb zueinander. „Aber wenn du andere Leute großartige Musik machen hörst, ist das eher Inspiration, die eigene Musik auf ein anderes Level zu heben.“ Was ihn begeistere, sei die Tatsache, dass gerade generell sehr viel Qualitätsmusik erscheine, „in einem Meer aus Wegwerfmusik“.

Shepherds erklärtes Lieblingsalbum ist Muddy Waters 1977er-Comeback „Hard Again“, produziert und eingespielt von Johnny Winter. Auch diese LP überwand die Unterschiede von Hautfarbe und Alter, und nun ist „Young Fashioned Ways“ ein weiter Beweis für die Grenzenlosigkeit des Blues. Shepherd sieht diese Qualität freilich nicht nur bei seinem Genre: „Ich denke, historisch gesehen hat Musik schon immer Grenzen überwunden. Vielleicht wäre die Welt ein besserer Ort, wenn alle Menschen Musik machen würden.“CHRISTOPH ULRICH

Kenny Wayne Shepherd:

„Young Fashioned Ways“
(Deep Rush).

Konzert: Kenny Wayne Shepherd spielt am Freitag, 11. Juli, um 20 Uhr in der Münchner Theaterfabrik; Karten unter www.muenchenticket.de.

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