Verbrecher im Turm des Glücks

von Redaktion

Die 34-jährige Rie Qudan gilt in Japan als Jungstar. Für ihren neuen Roman erhielt sie den renommierten Akutagawa-Preis – vergleichbar mit unserem Büchner-Preis. In „Tokyo Sympathy Tower“ geht es um Empathie, Normen der Moral, Leben und Lieben im Zeitalter von ChatGPT. „Wenn man sich das Glück anderer Menschen nicht vorstellen kann, fällt es schwer, sich schuldig zu fühlen, wenn man es ihnen raubt. Das bedeutet, dass in der überwiegenden Mehrheit der Fälle die Täter selbst ehemalige Opfer sind.“ Der so spricht, ist der „Glücksforscher“ Masaki Seto. Er teilt die Spezies Mensch in zwei Gruppen: den „homo felix“, den glücklichen Zeitgenossen, und den „homo miserabilis“, den durch schlechte Umwelteinflüsse beklagenswerten Menschen, der so zum Verbrecher wird.

Im „Tokyo Sympathy Tower“ sollen nun Leicht- wie Schwerverbrecher einem rein glücklichen Alltag frönen, mit Büchern, DVDs, Sport und Spiel. Architektin Sara Makina wird den Turm bauen. Dabei ist sie von der superhumanen Idee des Glücksforschers keineswegs ganz überzeugt. Die Mitdreißigerin ist mit einem viel jüngeren, äußerst gutaussehenden Modeberater liiert. Bevor sie mit ihm ins Bett geht, fragt sie, ob es ihn beleidige, wenn sie frage, ob er mit ihr ins Bett gehen möchte. Erst als er verneint, darf das Vergnügen seinen Lauf nehmen. Die Architektin scheint ansonsten eine konservative Gesinnung zu haben. Denn anstatt des Anglizismus „Tokyo Sympathy Tower“ würde sie die japanische Bezeichnung „Tokyo-to Dojo-to“ bevorzugen, also: „Turm des Mitgefühls der Stadt Tokio“.

Ein Teil des Romans spielt in der nahen Zukunft: 2030. Der Tower ist gebaut, viele Insassen, die längst ihre Strafe abgebüßt haben, bleiben dort. Denn so schön wie im Turm ist es für sie nirgendwo. Und doch befindet sich ein großes Polizeiaufgebot vor dem Tor. Nicht um die Straftäter zu bewachen, sondern um Eindringlinge abzuwehren, die den Turm zerstören wollen. Der „homo felix“ mutiert zum „homo iratus“, zum zornigen Menschen.

Rie Qudan gelingt es, die political correctness unserer Tage äußerst gekonnt, ein wenig überspitzt und daher mit Witz abzubilden. Doch die Grundaussage ist bitterernst: Wenn Moralvorstellungen, die auch von ChatGPT vorgetragen werden, den Charakter einer stets verbindlicheren Norm annehmen, dann ist jegliche Abweichung in gewisser Weise „verbrecherisch“, weil gesellschaftszersetzend. Sara Makina gesteht offen ein: „Ich kann nichts sagen, was ich nicht sagen darf. Ich will niemanden verletzen. Für alles, was ich sage oder tue, muss ich die Verantwortung übernehmen.“ Wir errichten zwar heute keinen Turm zu Babel – aber vielleicht doch einen „Sympathy Tower“, aus dem es dann kein Entkommen geben könnte.ANDREAS PUFF-TROJAN

Rie Qudan:

„Tokyo Sympathy Tower“. Hoffmann und Campe,
157 Seiten; 23 Euro.

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