Mit Frauenpower gegen Trump

von Redaktion

Dee Dee Bridgewaters berührender Auftakt des „Jazz Sommer im Bayerischen Hof“

Charismatische Rampensau: Dee Dee Bridgewater. © K. M. Wang

Dee Dee Bridgewater hat eine Mission. Nein, eigentlich sogar zwei. Noch bevor sie im Festsaal des Bayerischen Hofs den ersten Ton singt, stellt sie klar: dass ihre Band rein weiblich besetzt ist, sei kein Zufall, sondern ein Statement. Tatsächlich werden Keyboarderin Carmen Staaf, Bassistin Rosa Brunello und Schlagzeugerin Shirazette Tinnin bald darauf ein leuchtendes Beispiel für die stark gestiegene Zahl exzellenter Instrumentalistinnen im Jazz abgeben. Vor allem aber, sagt sie, habe sie ein Programm ausschließlich aus Protestsongs zusammengestellt, um ihrem „Dissens und Schock über das, was in meinem Land vorgeht“, Ausdruck zu verleihen, das sie „Un-United States“ nennt.

Dann legt sie los – und wie. Auch mit 75 hat ihre Stimme nichts an Kraft und Wandlungsfähigkeit eingebüßt. Einen Soul-Hit aus den Sechzigern, einen Blues-Klassiker, Songs großer Vorgängerinnen wie Roberta Flack, Nina Simone oder Abbey Lincoln – alle mit Bezug zu Rassendiskriminierung, Bürgerrechtsbewegung, Misogynie – macht sie sich expressiv zu eigen.

Aber die Bridgewater ist ja immer ein Gesamtpaket: subtile Interpretin, wütende Aktivistin und charismatische Rampensau in einem. Tief in der Jazztradition verwurzelt, aber zugleich mit einer erfrischend unbekümmerten „Was kümmern mich Schubladen?“-Haltung. Emotionaler Höhepunkt ist ihre dramatische Gestaltung des Billie-Holiday-Klassikers „Strange Fruit“, den man so geradezu schmerzhaft eindringlich wohl noch nie zuvor erlebt hat. Wer danach keine Tränen in den Augen oder mindestens eine Gänsehaut hat, leidet wohl nicht an einem Übermaß an Empathie. Oder hat schlicht keine Antennen für die große Kunst vokaler Jazz-Interpretation. Das dürfte allerdings für die Wenigsten im Saal gelten, denn am Ende nimmt Bridgewater stehende Ovationen entgegen. Und verabschiedet sich mit dem Satz: „Erhebt eure Stimme und haltet die Demokratie am Leben!“

Damit dürfte zweierlei klar sein. Wäre sie ihrem Präsidenten ein Begriff, er würde Dee Dee Bridgewater vermutlich als „sehr untalentierte Sängerin“ bezeichnen. Und vor allem: Einen mitreißenderen und berührenderen Auftakt hätte der unter dem Motto „Voices“ stehende „Jazz Sommer im Bayerischen Hof“ nicht haben können.REINHOLD UNGER

Der „Jazz Sommer“

läuft bis 26. Juli; Tickets und Termine: bayerischerhof.de.

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