Familienglück mit Verdi

von Redaktion

„Il trovatore“ als konzertante Aufführung bei den Tiroler Festspielen in Erl

Pretty Yende sang ihre erste Leonora. © Scheffold Media

Wenn es um Verdis „Il trovatore“ geht, wird gerne Enrico Caruso beschworen. Schließlich hat er es einst perfekt auf den Punkt gebracht, als er meinte, diese Oper sei wirklich leicht zu besetzen. „Man braucht einfach nur die vier besten Sänger der Welt!“ Was im Repertoirebetrieb oft leichter gesagt als getan ist. Den Tiroler Festspielen darf man jetzt neidlos zugestehen, dass sie diesem Ideal beim Abschluss ihrer konzertanten Verdi-Trilogie schon sehr nahekommen. Das hatte sich in Erl bereits bei den vorausgegangenen Aufführungen von „La traviata“ und „Rigoletto“ abgezeichnet.

Besonderes Augenmerk lag auf dem Rollendebüt von Pretty Yende als Leonora. Sie steht aktuell an einem Punkt ihrer Karriere, an dem die Stimme langsam den zwitschernden Koloratur-Partien entwächst, aber eben nicht ganz im schweren Fach angekommen ist. Und so bleibt dieser erste Versuch zuweilen noch ein Versprechen für die Zukunft. Obwohl sie sich in ihrer Auftritts-Arie mit gewohnter Virtuosität bestens einführt, gibt es danach die eine oder andere Stelle, an der sie noch basteln muss. Ein Handkuss ist Yende aber trotzdem nicht nur von Dirigent Asher Fisch sicher, der am Pult all seine Routine ausspielt.

Dass es im Liebesdreieck ordentlich knistert, ist vor allem der Verdienst der beiden um Leonora buhlenden Herren. Mattia Olivieri ist in Stimme und Erscheinung ein Conte di Luna wie aus dem Bilderbuch. Ein charmanter Verführer, dessen balsamisch weicher Bariton aber über die nötige Durchschlagskraft verfügt. Ein Spagat, den auch Rivale Piero Pretti bestens beherrscht. Als Manrico liefert er die Spitzentöne im kämpferischen „Di quella pira“ bombensicher, lässt aber gleichermaßen seine Donizetti-Erfahrungen durchscheinen. Diese interessanten Kontraste war gerade in den Szenen mit Elizabeth DeShong zu spüren, die mit dramatisch bebendem Mezzo eine vom Hass getriebene Azucena singt. Keine dem Wahnsinn Verfallene, sondern eine eiskalt kalkulierende Rächerin.

Dass Alexander Köpeczi zu diesem Quartett einen höchst eloquenten Ferrando beisteuert, macht das Verdi-Glück quasi perfekt. Und wo gibt es das schon, dass im Saal so viel Star-Power versammelt ist, dass man die Oper beinahe doppelt hätte besetzten können? Luca Salsi, der tags zuvor noch den Rigoletto gesungen hatte, wurde da ebenso mit Ovationen auf seinem Platz begrüßt wie die privat in Erl weilende Anna Netrebko. Und natürlich Intendant Jonas Kaufmann, der sich fast schon verlegen wegduckt und den Beifall in Richtung Orchester umzulenken versucht. Da war es dann plötzlich wieder. Das vertraute Erler Familiengefühl, das viele bei der Ernennung des neuen Promi-Chefs schon pessimistisch verloren wähnten. Doch wie früher beim „Ring“ wuchsen die Menschen auf und vor der Bühne auch im Laufe dieser Verdi-Trilogie immer mehr zusammen. Und so darf es im Inntal gern bleiben.TOBIAS HELL

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