Er deklassiert viele Bayreuther Vorgänger: Michael Spyres als Walther von Stolzing in der Inszenierung von Matthias Davids und im Bühnenbild von Andrew D. Edwards. © Enrico Nawrath
Angela Merkel trägt heute grüne Seide, es gibt sie – weiblich und männlich – gleich doppelt. Dazu zweimal Gottschalk, Kartoffel- und andere Königinnen, die Meister mit Jakobiner- und Narrenkappen, Lederhosenträger, Gartenzwerge. Eine Apotheose des Biedersinns, aufgekratzt, munter bis zum Nervtöten – wir lassen uns das Feiern nicht verbieten, so dringt es aus jeder Pore dieser Masse. Über alledem hängt eine aufblasbare Kuh, der Stimmungstöter Beckmesser zwischendurch die Luft rauslässt. Alles Satire? Deutscher Humor ist eben so, andere Nationen sind da weiter.
Unwillkürlich entblößen diese sechs Stunden auch Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“. Die dachte er sich als Komödie, als XXL-Fortsetzung der deutschen Spieloper. Doch wer das Bayreuther Festspielhaus verlässt, hat Gewissheit: Der Mann hatte so gut wie keinen Humor, ist im Weltschmerz, in der Welterklärung, im philosophisch-politischen Überbau der größere Crack. Matthias Davids, Regisseur dieser Premiere auf dem Grünen Hügel, hat allerdings das geliefert, was die Festspielleitung von ihm erwartete: Nach zwei kritisch gründelnden Deutungen (Katharina Wagner, Barrie Kosky) sollte nun die Lachnummer sein.
Wobei der lange Abend kein Gag-Feuerwerk bietet. Davids augenzwinkert sich durch die drei Akte. Es menschelt sehr, eine große Liebenswürdigkeit strahlt diese Produktion aus. Keine(r) wird an die Groteske verraten. Selbst Beckmesser nicht, von Michael Nagy als Schlagerfuzzi am Rande des Nervenzusammenbruchs gesingspielt. Im Parlando klingt das nach grauem Charakterbariton, ausgerechnet im Kantablen hat dieser von allen belächelte Meister seine besten Momente: Nagy singt seine Karikatur des Preislieds wirklich wie einen Avantgarde-Hit.
Dauerlächeln provozieren auch die Bühnenbilder von Andrew D. Edwards. Die Katharinenkirche thront als Modell am Ende einer ewig langen, schmalen Freitreppe, die Meister sitzen später auf harten Klappstühlen à la Festspielhaus. Ein bunter Fachwerkbaukasen dominiert den zweiten Akt, bei der ovalen Schusterstube denkt man an Wieland Wagners legendäre Scheibenbühnen. Herr über das Zimmer ist ein Sachs, der es nicht auf vokale Überwältigung abgesehen hat. Georg Zeppenfelds Stimme ist schmaler geworden, manchmal versinkt sie in den Orchesterfluten. Doch keiner kommt an seine Textarbeit heran: Der Wahn-Monolog wird exzeptionell ausgedeutet, für die späteren dramatischen Soli spart sich dieser immens kluge Sänger genügend Kraft auf. Ein herber Sachs ist das, auch wütend, auffahrend, aber nie nachtragend. Es ist sein Drama, das Matthias Davids in den Mittelpunkt rückt – und das ohne die üblichen altväterlichen, weltweisen Attribute.
Michael Spyres deklassiert als Stolzing viele Bayreuther Vorgänger. Die Stimme sitzt, als sei Singen die einfachste Sache der Welt. Möglich ist dadurch ein hochintelligentes, immer textmotiviertes Spiel mit Farben, Nuancen und Dynamik. Spyres zeigt, angeleitet von der Regie, wie die allmähliche Verfertigung eines Lieds beim Singen funktioniert. Sein finaler Preisgesang ist ein Triumph, im Festspielhaus wird manches Auge feucht.
Daniele Gatti ist kein Theatermusiker
Sängerisch bewegt sich die Aufführung in weiten Teilen auf 1a-Niveau. Jordan Shanahan ist ein phänomenaler Kothner, Christina Nilsson gibt ihrer Eva eine kühle, flexible Dramatik, unter den „kleinen“ Meistern finden sich Könner wie Patrick Zielke (Foltz) oder Alexander Grassauer (Ortel). Matthias Stier führt als David einen attraktiven Tenor ins Feld, anfangs wird die Höhe etwas knapp, an der Textformung müsste er noch arbeiten. Hier gibt es auch für Jongmin Park (Pogner) viel zu tun: Ein prachtvoller Bass nützt wenig, wenn fast alles auf „O“ gesungen ist.
Sie alle haben ein wenig unter Daniele Gatti zu leiden. Der DIrigent, im Konzert hochinteressant, bleibt kein Theatermusiker. Alles ist bei ihm aus symphonischem Geist empfunden. Bei der Detailarbeit (und da liefert er viel) geht Gatti offensiv vor, Hervorhebungen funktionieren bei ihm fast nur über Lautstärke. Mitten in den Publikumslärm, während alles noch ratscht und Plätze sucht, lässt er die Ouvertüre losplatzen. Gatti führt mit dem Festspielorchester die Überfülle der Partitur vor Ohren, ist in manchen Passagen (Vorspiel dritter Akt!) überraschend zügig, anderes wird zu genießerisch ausgekostet.
Die Schusterstube, wo Wagner als Filigrantüftler ohnehin kein musikalisches Imponiergehabe zulässt, gelingt Daniele Gatti am besten. So wie auch Regisseur Matthias Davids zwar satirisch gelaunt ist, aber am besten ist, wenn er das Feinbesteck auspackt. Der kurze Schock von Sachs, als Pogner mit seiner Tochter-Versteigerung herausrückt, das gespannte Leuchten im Gesicht des Schusters, als er Stolzings erste Verse vernimmt, das ist von Davids fein herausgearbeitet. Und ein Gegenpol zu den betulichen Choreografien zwischen Squaredance und Fernsehballett.
Ganz ohne Dreifachböden und Politik funktionieren die „Meistersinger“ nicht, wo Wagner Einfallspforten für Härteres bietet und fordert, bleiben hier Leerstellen. Bei Matthias Davids präsentiert sich Bayreuth als Gärtnerplatz in Groß, ein Abend, unangekränkelt von Politik, mit aufreizend ausgestellter Naivität. Sechs Stunden Nonstop Nonsens – für ein von Krisen geschütteltes Publikum der perfekte Eskapismus: Aktueller kann eine Premiere nicht sein.