Treffsicheres Trio

von Redaktion

Opernfestspiel-Abend mit Nigl, Ofczarek und Jurowski

Sorgten für einen zauberhaften Abend: Georg Nigl, Nicholas Ofczarek und Vladimir Jurowski (v. li.). © S. Vargaiová

Georg Nigl braucht die Bühne. Und mindestens ebenso sehr braucht er dabei Partner, an denen er sich reiben kann. Das wurde nun im Prinzregententheater wieder einmal überdeutlich. Nach Kollegen wie Ulrich Noethen und August Diehl, mit denen der Bariton seine Salzburger „Nachtmusik“ gestaltete, war ihm nun auch Nicholas Ofczarek ein kongenialer Mitstreiter für „Die letzten Tage der Menschlichkeit?“. Ein Programm inspiriert von Karl Kraus, der die Nachwehen des Ersten Weltkriegs einst mit morbidem Galgenhumor in seinem Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ verarbeitete.

Ofczarek schlüpfte hier mit geradezu berauschender Virtuosität in zahlreiche skurrile Rollen. Sei es ein kriegstreiberischer preußischer Pastor, eine böhmakelnde Kellnerin oder der Viktualienhändler Vinzenz Chramosta. Ein ruppiger Wucherer vom Naschmarkt, der seine Kundschaft angesichts der Inflation ausbluten lässt. „Jetzt is Kriag! Wann Ihna a Dreck besser schmeckt, probiernS‘n!“

Komplettiert wurde das Trio an diesem Abend von Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski am Flügel. Und obwohl sie auf den ersten Blick unterschiedliche Kernkompetenzen mitbrachten, kamen hier drei gleichermaßen belesene wie musikalische Menschen zusammen. Wenn etwa Ofczarek als klischeehafter Wiener Suderant in Mahlers „Tambourgesell“ bissig dazwischenfunkte, seine Kraus-Spitzen dabei aber so gekonnt abfeuerte, dass der musikalische Fluss nie unterbrochen wurde.

Genau wie beim überraschenden, aber ähnlich treffsicheren Einwurf von Jurowski. War es doch ausgerechnet er, der auf die vom Publikum anfangs belächelten plumpen Kriegsparolen wie „Serbien muss sterbien!“ oder „Jeder Stoß ein Franzos“ das provokante „Und a jeder Russ … an Schuss!“ hinterherschob. Spätestens hier dürfte auch den Letzten im Saal klar geworden sein, wie wenig sich in den vergangenen hundert Jahren leider verändert hat.

Und so fügte sich zwischen den Brecht- und Tucholsky-Vertonungen von Hanns Eisler auch die berühmte Antikriegshymne „Sag mir wo die Blumen sind“ bestens ein. Jener Moment, in dem Nigl seinem Widerpart am Lesetisch Gesellschaft leistete und die beiden im Duett deklamierten. Das war zwar fast schon ein wenig zu viel an schmalzigem Pathos, aber eben gleichzeitig auch wieder typisch für das, was der Wiener (genau wie der Bayer) gern „A scheene Leich“ nennt. Das Highlight unter den diesjährigen Festspiel-Liederabenden.TOBIAS HELL

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