Zeit, dass sich was dreht

von Redaktion

Die Tanzwerkstatt Europa ist in München mit „Void“ gestartet

Eine poetische Erzählung: „A Beginning #16161D“ von Aurora Bauzà und Pere Jou ist heute um 19 Uhr im Schwere Reiter zu sehen. © Anna Fabrega

Freude an der eigenen Beweglichkeit und an der Gemeinschaft: Damit stellt „Void“ den idealen Auftakt der Tanzwerkstatt Europa dar. © Danny Willems

Mächtiger Andrang in der Münchner Muffathalle – und Applaustosen. Der Auftakt von Walter Heuns jährlicher Tanzwerkstatt Europa (TWE) mit Wim Vandekeybus ist also gelungen. Hierorts kennt man den Belgier, Jahrgang 1964, seit seiner ersten Kreation „What the Body does not remember“ (1987). Der Körper, seine Kraft, seine Geschicklichkeit, sein Überlebenswille – das sind Vandekeybus’ Themenbereiche. Auch in dem mitgebrachten „Void“ – ist das jetzt Leere, Nichts, Hohlraum, Lücke, Fehlstelle? Jeder Begriff gilt in dieser gemeinsam mit der Compagnie entwickelten Choreografie. „Void“ legt sich nie fest, lässt uns also frei, eine persönliche Deutung zu finden.

Rätselhaft schon die Bühne mit bizarr aufgehängten dunklen oder weißen Tüchern. Ein Fantasieraum, in dem sechs Figuren agieren: tanzend, redend, jeweils mit sich selbst im psychischen Clinch oder in kämpferischer Attacke auf ein Gegenüber. Mit den wie aus dem Weltall hereinrauschenden Klängen und dumpfen Rhythmen (Sounddesign: Arthur Brouns) schweben wir gleichsam in einer surrealen Sphäre. Und zugleich sind sie uns ja nicht fremd: die hier geäußerten Ängste, Selbstanalysen und Selbstzweifel. Empfindungen, Gefühle werden hier natürlich aus hochtrainierten Körpern, aus Biegsamkeit und Muskelkraft herausgeschleudert. Das Sechser-Team ist offensichtlich fit in Kampfsportarten – aber eben doch mit der wohltuenden Superqualität einer tänzerischen Leichtigkeit und Eleganz.

Zur Erinnerung: Vandekeybus, der übrigens keine übliche Tanzausbildung absolviert hat, war in jungen Jahren ein ausgezeichneter Sportler. In seinem Erstling von 1987, so erinnern wir, jagte sein Ensemble in einer Art Ballspiel über die Bühne. Vandekeybus hat in Folge mit anderen Künstlern zusammengearbeitet, vor allem mit dem Theatermacher und Choreografen Jan Fabre. In seinem „Void“ erkennen wir nun den gereiften Künstler. Erleben das Sechserteam in Soli, in Zweier-Kontakten und als geschlossene Tanztruppe. Die Körper gleiten umeinander, fliegen im Salto durch die Luft und vermitteln das Gefühl von Freude an der eigenen Beweglichkeit und zugleich den positiven Sinn von Gemeinschaft.

Einen kleinen Abstrich müssen wir machen: Unter dem wohl traditionellen Druck, dem Publikum eine Vorstellung von 90 Minuten zu bieten, geraten dann solche halb abstrakten Choreografien zu lang. Vandekeybus hat noch einige Szenen hinzugefügt, zum Beispiel der wenig verständliche Gruppen-Auftritt in weißen Kostümen. Die Menschheit ist schnelllebiger geworden. Einst gab es ja Theater- und Opern-Vorstellungen von mehreren Stunden. Wir sind im 21. Jahrhundert, sind insgesamt schneller getaktet. Dennoch ein schönes Tanzerlebnis. Und Vorfreude auf die noch bis zum 15. August zu sehenden Werke der TWE-Choreografen-Gäste.MALVE GRADINGER

Das Festival

läuft bis 15. August; weitere Informationen und Tickets unter www.jointadventures.net.

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