SALZBURGER FESTSPIELE

In der Endspiel-Schleife

von Redaktion

„Drei Schwestern“ von Peter Eötvös

Als ob Moskau eine Alternative wäre: Olga (Aryeh Nussbaum Cohen, v.li.), Irina (Dennis Orellana) und Mascha (Cameron Shahbazi). © Monika Rittershaus

Betongrau, Zementgrau, Steingrau, das sind die Salzburger Sommerfarben. Schon wieder ist Krieg, als sich der Vorhang teilt. Bei Händels „Giulio Cesare“ zum Start der Festspiele flüchteten alle in den Bunker, hier haben sie es offenbar nicht geschafft. Etwas Furchtbares muss passiert sein vor Beginn der „Drei Schwestern“. Wände und ein Berg sind geborsten, Trümmer, ein gebrochenes Gleis, mittendrin Überlebende. Irgendwo liegt der Wegweiser nach Moskau, jenes Traumziel, das alle im Drama von Anton Tschechow ersehnen. Aber wer weiß, so sagt die Bühne in der Felsenreitschule, ob die Stadt überhaupt noch steht?

In seinem Opernerstling nimmt der im vergangenen Jahr gestorbene Peter Eötvös Tschechows Stück auseinander und erzählt die Handlung dreimal hintereinander, jeweils aus Sicht einer anderen Person. Irina, Mascha und Olga kommen mit dem Jetzt nicht mehr zurecht. Männer machen ihnen den Hof, sinnlose Streitereien, ein Brand, das Grauen des leeren Alltags, die dumpfe Last der Provinz – und immer am Horizont Moskau als Verheißung: ein Symbol, ein Hirngespinst. Keiner weiß, ob dort Besserung zu erwarten ist. Man kann ja mal träumen.

Ein um sich selbst kreisendes Schauspiel-Geklöppel, das nach einem Filigrantechniker verlangt. Das Salzburger Setting sieht nach Brecheisen aus. Das irritiert zunächst – eine wohlfeile, szenische Kriegskulinarik? Regisseur Evgeny Titov liegt damit nicht falsch: In seiner 1998 uraufgeführten Oper flutet Eötvös Tschechows unzählige Dramenleerstellen mit hochexpressiver Musik. Das, was bei Tschechow angedeutet wird, als unausgesprochene Innenschau, lässt die Komposition nach außen quellen. Eine Entäußerung und Übersteigerung – so sehr sich die Musik auch immer wieder beruhigt, in berückenden Passagen, mit kantablen Linien, die sich über verbogene Harmonien spannen.

Vor diesem Hintergrund inszeniert Titov tatsächlich Eötvös und nicht Tschechow mit Soundtrack. Zumal die Monumentalbühne von Rufus Didwiszus Intimität zulässt. Es sind nicht die Momente plötzlicher Aufgeregtheit, der dreimalige Brand, die hetzenden Soldaten, die alles beleben – sondern immer wieder meterweit auseinander agierende, auf sich selbst zurückgeworfene Figuren. In Kostümen des 19. Jahrhunderts (Emma Ryott) sind sie Zitate ihrer selbst. Eine Intensität auch über große Distanz. Eine Intimität wie ein Paradox: Erst im Kontrast zur Bühnenwucht entspinnt sich in 100 pausenlosen Minuten die Tragödie. Titov arbeitet dabei ungemein musikalisch, ohne zu verdoppeln. Die Aufführung ist auf subtile Weise rhythmisiert bis hin zum oratorischen Stillstand. Wobei die Groteske, Tschechows Verzweiflungswitz auch in kleine, schräge, absurde Momente übersetzt wird. Alle müssen sie zurechtkommen mit ihrer (hier kriegsbedingten) Ausweglosigkeit: als Gefangene in der Endspiel-Schleife.

Das Klangforum Wien ist dafür das ideale Ensemble. Wie es Eötvös will, sitzt es als klein besetztes „Hauptorchester“ im Graben. Maxime Pascal lotst alles unaufgeregt, mit geschmeidiger Souveränität. Nichts wird überhitzt oder effektvoll ausgereizt. Wer das Stück nicht kennt, staunt über die 50 Musikerinnen und Musiker, die sich am Schluss auch noch verbeugen: Das Fernorchester, geleitet von Alphonse Cemin, dachte sich der Komponist als Erweiterung, als klanglichen Raumzuwachs. In der Felsenreitschule kann man das kaum wahrnehmen. Tiefenstaffelung und Dialog stellen sich nicht ein – ein Versäumnis gerade in diesem Riesensaal.

Für den diesjährigen Sommer hat Salzburg – gerade nach dem „Cesare“ – den Markt der Countertenöre leergekauft. Als Verfremdung setzt Eötvös bekanntlich hohe Männerstimmen als Schwestern ein. In der Aufführung verfolgt man fasziniert drei völlig verschiedene Vokalporträts: Dennis Orellana, sogar ein Sopranist, als ätherisch-expressive Irina, Cameron Shahbazi als singdarstellerisch aristokratische, kontrolliert dramatische Mascha und Aryeh Nussbaum Cohen, der als Olga die körperhafteste, sinnlichste Stimme mitbringt. Dazu gibt es Kangmin Justin Kim als überdrehte, exaltierte Schwägerin Natascha. Mikolay Trabka (Tusenbach) oder Jacques Imbrailo (Andrej) erden alles mit viriler Präsenz. Es ist ein großes Ensemble ohne Ausfall und ein kleines Wunder der Besetzungspolitik: So müssen Festspiele klingen.

Weitere Vorstellungen

am 12., 21. und 24. August; Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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