INNSBRUCKER FESTWOCHEN

Königin der Löwen

von Redaktion

Ausgrabung von Caldaras „Ifigenia in Aulide“

Wer hat hier das Sagen? Teucro (Filippo Minecchia) kniet vor Elisena (Neima Fischer). © Birgit Gufler

Geben wir es zu: Auf der barocken Opernbühne war die Verpackung meist wichtiger als der Inhalt. Schließlich waren die oft aus der antiken Mythologie entlehnten Handlungen dem Publikum bestens vertraut und das Hauptargument für einen Besuch vor allem das Spektakel. Daher ist es durchaus reizvoll, wenn die Innsbrucker Festwochen für Alte Musik die „Ifigenia in Aulide“ mal nicht in der bewährten Gluck-Vertonung zeigen, sondern stattdessen die 1718 entstandene Fassung des Italieners Antonio Caldara exhumieren.

Ein Rotstift hätte dem Werk gutgetan

Dass diese Ausgrabung eine neue Caldara-Renaissance lostritt, darf jedoch bezweifelt werden. Denn was Gluck dramaturgisch dicht in guter Spielfilm-Länge verhandelte, kratzt bei seinem Vorgänger knapp an der Vier-Stunden-Marke. Und das ist ein bisschen zu viel des Guten. Zum Wohle des obligatorischen Liebesdreiecks des Dramas findet Librettist Apostolo Zeno auf der Insel Lesbos noch die Fürstin Elisena, die von Iphigenies Bräutigam als Kriegsbeute nach Aulis verschleppt wird und fortan für Neid, Eifersucht und viele virtuose Arien sorgt. Was einerseits die Erwartungen der damaligen Zeit erfüllte, aber leider von der deutlich spannenderen Geschichte um Agamemnon ablenkt.

Der soll nämlich auf Geheiß der Götter seine Tochter Iphigenie im Tempel opfern und hat deshalb bei Gattin Klytämnestra einen schweren Stand. Da schlummert ein packendes Familiendrama, dass zwischen den klischeehaften Nebenschauplätzen oft zu kurz kommt. Ganz zu schweigen vom absurden Schluss-Twist, den es so wohl nur in einer Barockoper geben kann.

Verständlich, dass Dirigent Ottavio Dantone bei der ersten szenischen Aufführung seit über 300 Jahren auf keine Note verzichten will. Trotzdem hätte ein Rotstift dem Stück gute Dienste geleistet. Selbst die exzellenten musikalischen Darbietungen täuschen nicht darüber hinweg, dass sich im schier endlosen Arien-Reigen viel Füllmaterial findet. Angefangen beim Prolog mit der Anrede an den österreichischen Kaiser Karl VI., der postum in den Himmel gelobt wird.

Hier wäre für das Regieteam um Anna Fernández und Santi Arnal viel Potenzial für eine interessante Meta-Ebene gewesen. Doch wenn sich nach einer Viertelstunde endlich der Vorhang teilt, blickt man für den Rest des Abends auf eine antik angehauchte Szenerie, in der man sich – abgesehen von kleinen Schattentheater-Einlagen – nur bewegt, wenn es unbedingt sein muss. Die Damen tragen Tunika, die kriegsversehrten, aber immer noch kriegsversessenen Herren Sandalen und pompösen Federkopfputz. Was in Kombination mit den später durchs Bild getragenen Hirsch-Zeichnungen ein wenig an den „König der Löwen“ erinnert. Abwechslung bringen da lediglich, die von den drei weiblichen Protagonisten geführten Puppen-Alter-Egos, die an markanten Stellen Perspektivwechsel andeuten, aber ebenfalls zu wenig genutzt werden.

Musiziert und gesungen wird in Innsbruck auf gewohnt hohem Niveau. Marie Lys ist eine wahre Wonne. Weil sich ihre Ifigenia keineswegs demütig ins Schicksal fügt, sondern kämpferisch ihren Platz behauptet. Da schlagen die Gene Klytämnestras durch, deren furiose Rache-Arien bei Shakèd Bar bestens aufgehoben sind. Neben diesen starken Duo hat Martin Vanberg als Agamemnon wenige Chancen, um sich zu profilieren. Dafür sind die Arien seines Tenor-Kollegen Laurence Kilsby einfach dankbarer. Wenn er als Odysseus erscheint, dann bebt es auf der Bühne. Dem eigentlichen Helden Achilles bleiben die in sich gekehrten Nummern vorbehalten, die Carlo Vistoli stilsicher gestaltet. Einer von zwei Countertenören des Abends, dessen Timbre sich zu wenig von Filippo Mineccia abhebt. Und die ebenfalls Sopran singende Rivalin? Ja, auch bei ihr lässt sich trotz der dramaturgischen Schwächen des Handlungsbogens gerne ein Auge zudrücken: Auf den farbenreich schillernden Sopran von Neima Fischer würde man nur ungern verzichten.TOBIAS HELL

Weitere Vorstellung

am 12. August; die Festwochen mit weiteren Opernproduktionen und Konzerten dauern bis 31. August; www.altemusik.at.

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