„Alceste“ wird im Klinikum Großhadern gespielt.
„Genoveva“ in der Reithalle (2009). © Opera Incognita
Ungewöhnliche Spielorte sind ein Markenzeichen der Opera incognita, „Dido und Aeneas“ wurde 2018 im Müllerschen Volksbad aufgeführt. © Misha Jackl
Vor zwanzig Jahren begann alles mit der „Armide“ von Christoph Willibald Gluck. Heuer gibt es zum Jubiläum die „Alceste“ dieses Opernreformators, der von den etablierten Bühnen eher selten beachtet wird. Dem Münchner Ensemble Opera incognita (übersetzt: Unbekannte Oper) sind aber genau jene vergessenen Werke eine Herzensangelegenheit. Andreas Wiedermann, Absolvent der Regieklasse am Salzburger Mozarteum, wollte sich den kaum gespielten Opern widmen und suchte vor zwanzig Jahren einen musikalischen Mitstreiter. „Über einen befreundeten Countertenor lernte ich Ernst Bartmann kennen, der am Mozarteum Kirchenmusik und Komposition studiert hatte. Wir trafen uns in einer Pizzeria – und unsere Zusammenarbeit begann.“
Damals hatte Wiedermann gerade eine Förderung der Stadt München erhalten („Heute gibt es das leider gar nicht mehr.“), und die beiden konnten loslegen. An den Start gingen sie in der Reaktorhalle an der Luisenstraße, die damals noch ein eher unbekannter Raum war. Denn nicht nur das Randrepertoire schwebte Regisseur Wiedermann und Dirigent Bartmann vor, sondern auch anderes: unbekannte bis schräge Spielorte.
Salieris „Axur“ wurde 2006 in der Allerheiligenhofkirche aufgeführt, Mozarts „La clemenza di Tito“ im Circus Krone. Mit Mozarts „Idomeneo“ ging es 2010 erstmals ins Müllersche Volksbad. „Wir hatten es schon länger im Blick, haben immer mal rumgesponnen“, erzählt Wiedermann. „Und als dann die Wasser- und Meeresoper ‚Idomeneo‘ in den Fokus rückte, war uns klar: Dort müssen wir hin.“
Da kam also ein ganz neues Element ins Spiel, auf das die Sänger natürlich verbal vorbereitet wurden. Aber genauso selbstverständlich kam bei der ersten Probe der Satz: „Wir sind jetzt nass!“ Der Regisseur lacht noch heute darüber: „Mit reinen Musikerinnen und Musikern können wir nichts anfangen. Die Sänger müssen sich schon einlassen auf abseitige Örtlichkeiten, ungewohnte Bedingungen, und alle müssen bereit sein, mit nicht idealen Akustikverhältnissen zurechtzukommen.“
Das gilt vor allem auch für die Instrumentalisten, die Ernst Bartmann für die Realisierung seiner gekonnten und immer wieder überraschenden Bearbeitungen um sich geschart hat. Längst hat sich eine kleine Stammbesetzung gebildet für die Opern aus Barock, Klassik, Romantik oder der Moderne. Größer als 15 Beteiligte ist die Besetzung nie, zuweilen reichen schon mal fünf.
Für Glucks „Orphée et Eurydice“ stiegen 2014 alle in die passende Unterwelt – in die Unterführung des Maximiliansforums. Verdis lange verschollener „Stiffelio“ wurde 2015 in den Arri-Studios ans Licht geholt, Wagners „Rienzi“ begegnete das Publikum in einem Hörsaal der LudwigMaximilians-Universität. Im Ägyptischen Museum wurde 2022 die zeitgenössische Oper „Akhnaten“ („Echnaton“) von Phil Glass realisiert, dessen Kafka-Vertonung „In der Strafkolonie“ 2024 sogar den Justizpalast eroberte.
Dass in den vergangenen Jahren auch Hits ebenso klug wie ungewöhnlich in Szene gesetzt wurden, verdankt das Publikum dem zweiten Standbein der Opera incognita in Dorfen. Dort wurden im Jakob-Mayer-Saal auch Reißer wie „Tosca“ oder „La bohème“, „Aida“ oder „Cavalleria rusticana“ herausgebracht und dann nach München in Allerheiligenhofkirche, Hubertussaal oder Ägyptisches Museum exportiert.
Zuweilen riskieren Wiedermann und Bartmann auch „Verschnitte“: So koppelten sie Schumanns „Genoveva“ mit Schuberts „Fierrabras“ in der Reithalle und ließen vor zwei Jahren Monteverdis „Poppea“ – versetzt mit Queen-Songs – im Becken des Müllerschen Volksbades abtauchen. Dass bei all diesen Unternehmungen nicht nur von den Profi-Musikern und den oft jungen Sängerinnen und Sängern viel verlangt wird, sondern auch vom Chor, ist klar. Die sanges- wie spielfreudige Truppe ist auch, wenn es um Bühnenaufbauten (die meist klein gehalten werden) und Requisite geht, im Einsatz.
Längst ist die Opera incognita kein Geheimtipp mehr, sondern willkommene Sommer-Abwechslung im Staatstheater-Alltag. Das Unternehmen finanziert sich über Ticketverkäufe, etwa zehn Prozent des Etats erhält man von Stadtsparkasse und Bezirk Oberbayern. Für einen Puffer sorgt überdies der Förderverein. Wenn es dieses Jahr bei Glucks „Alceste“ (der Alkestis des Euripides, die für ihren Mann Admetos sterben will) um Leben und Tod geht, dann ist das Klinikum Großhadern genau der rechte Ort. Wiedermann betont: „Hier wo es um Krankheit, Tod und Rettung geht, haben wir mit dem Casino einen gut funktionierenden, zentralen Raum gefunden.“GABRIELE LUSTER
Premiere
am 29. August,
weitere Vorstellungen 30. August, 5., 6., 12. und 13. September; Karten über muenchenticket.de.