DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG

Vier gewinnt

von Redaktion

Magdalena Reiters „Quartet“ bei der Tanzwerkstatt Europa

Zusammen ist man weniger allein: Jerca Rožnik Novak und ihr Mann Beno Novak tauchen mithilfe von Kameras in eine Beziehung ein. © Darja Stravs Tisu

Wohin nur mit dem Kaugummi? Beno Novak richtet die Kamera auf seine Partnerin, als Jerca Rožnik Novak einfällt, dass sie noch was zwischen den Kiefern hat. Flugs klebt sie die Süßigkeit hinter die Heizung im Theater HochX. „Are you ready?“, fragt der Mann am Stativ. Ist sie. Film ab also für die deutsche Erstaufführung von „Quartet“.

Die Tanzwerkstatt Europa hat die Produktion der polnischen Choreografin und Tänzerin Magdalena Reiter nach München eingeladen. Ihre Arbeit ist ein aufregender Grenzgang zwischen Tanz, Performance und Bewegtbild.

Vor allem der Auftakt ist beeindruckend gut und von enormer technischer und tänzerischer Präzision. Die Bühne ist leer, bis auf eine Leinwand in der Tiefe des Raumes und zwei Kameras. Diese hat Reiter so eingerichtet, dass die live projizierten Bilder einander ergänzen. Die beiden Novaks werden also gedoppelt, denn Vier gewinnt in „Quartet“.

Es ist visuell eindrucksvoll, den beiden in ihren Bewegungen zu folgen – und zugleich die Filmbilder im Hintergrund zu sehen. Durch das geschickte Spiel mit Entfernungen, Kamerapositionen und Winkeln entstehen in der Gesamtschau immer wieder aufregende Szenen. Da wendet sich etwa das Paar im Vordergrund voneinander ab, während im Video die beiden einander anblicken. Es ist eben alles immer eine Frage der Perspektive.

In dieser guten Stunde vertanzt das Ehepaar viele Aggregatzustände zwischenmenschlicher Beziehungen. Da geht es natürlich um Anziehung und Abstoßung; das ist mal brutal und besitzergreifend, dann wieder zärtlich oder auch verzagt; anderes dagegen ist intim und vertraut.

Man folgt Beno Novak und Jerca Rožnik Novak gerne, denen es mit wenigen Bewegungen und Tanzschritten gelingt, die vielen Gesichter einer Beziehung auf Bühne und Leinwand zu bringen. En passant kontrollieren die Tänzerin und der Tänzer ihre Positionen vor dem Objektiv und korrigieren diese gegebenenfalls minimal. Die Kameras ermöglichen es Choreografin Reiter zudem, Details des Mit- und Gegeneinanders in Großaufnahmen auszustellen.

Das Spiel mit der Technik gelingt dem Duo also. Allerdings spielte selbige bei der Premiere am Dienstag nicht so bedingungslos mit, wie man es erwarten würde. Als Beno Novak die Kamera vom Stativ nimmt, fällt diese aus. Als auch die zweite nicht mag wie erhofft, wird die Vorstellung unterbrochen – und die Haustechniker müssen ran. Der Schaden ist nach einer Viertelstunde behoben – sollte die Unterbrechung die Novaks irritiert haben, lassen sie es sich nicht anmerken. Konzentriert nehmen sie die Choreografie wieder auf.

Allerdings verliert diese selbst ohne Panne ihren Fokus, sobald aus der Hand gefilmt wird. Die Spannung, die Konzentration, auch die ästhetische Strenge des Beginns lösen sich auf, die Szenen werden erwartbarer. Dennoch gelingen starke Momente mit wenigen visuellen Tricks: Ein Gang hinter der Bühne wird zum Club, in dem das Paar tanzt. Später kommt es zu Gewalt zwischen den beiden – Standfotos auf der Leinwand erinnern an Aufnahmen aus Polizeiberichten. Letztlich findet Reiter für „Quartet“ aber ein harmonisches Ende – und Jerca Rožnik Novak ihren Kaugummi wieder. MICHAEL SCHLEICHER

Die Tanzwerkstatt Europa

läuft noch bis zum 15. August; weitere Informationen und Karten und www.jointadventures.net.

Artikel 1 von 11